Vom Hoffen und Scheitern der Gutmenschen
Bild: Braun
 Diskussion in Jerusalem: (v.l.)  Anna Graenzer als Recha, Martin Schwab als „Nathan der Weise“ und Carmen-Maja Antoni als Daja in Claus Peymanns Neusinszenierung des Lessing-Stücks. 
 
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Und dennoch – oder gerade deshalb – hat Claus Peymann 2001 Lessings „Nathan der Weise“ für sein Berliner Ensemble neu inszeniert. Nicht nur als Antwort auf den 11. September in New York. Das melancholische Lehrstück eröffnete am Samstag die Spielzeit im Theater Gütersloh – Auftakt zum einwöchigen Gastspiel der renommierten Truppe.

Den lautstarken Schlussapplaus nahmen der 75-jährige Intendant und seine bestens disponierten, zum Teil erst am Morgen von Gastspielen in Paris und Wien angereisten Akteure so freudestrahlend wie selbstverständlich hin. Drei Stunden klassisches Bildungsbürger-Theater der Aufklärung lagen da schon hinter dem Publikum, das sich von der komödiantischen Leichtigkeit, mit der Peymann dieses moralische Schwergewicht auf die Bühne gebracht hat, nur zu gern begeistern ließ.

Dabei wandelt sein Nathan keineswegs textgetreu unter Palmen durch Jerusalem, sondern stapft durch ein tristes Terrain, das Bühnenbilder Achim Freyer als Spiegelbild „düsterer Zeiten“ angelegt hat: Schwarz und tief weitet sich die Bühne zum bedrohlichen Loch. Aus dem Boden steigt Rauch. Davidstern und SS-Zeichen, Gewehr und Flugzeug an den Seiten sind Graffiti gewordene Menetekel und mühen sich, Historie mit dem Heute zu verbinden.

In diesem Rahmen zelebriert Peymann vordergründig lässig Lessings hintergründig tiefgreifende Antwort auf die Frage vom Wert und Miteinander der Weltreligionen – und der Festigkeit von Familienbanden.

Martin Schwab spielt einen wunderbar unaufgeregten, allzeit souveränen Nathan, der in der Ring-Parabel gänzlich ohne falsches Pathos auskommt und überzeugend die Gleichwertigkeit und Verzahnung von Islam, Christen- und Judentum offenbart. Sein Rat als Mensch an die Menschen: „Es eifre jeder seiner unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe nach,“ entlarvt er allerdings selbst als blanken Idealismus: „Nicht die Kinder bloß speist man mit Märchen ab.“

Norbert Stöß mimt etwas zu dick aufgetragen den Saladin als tumben, von Geldsorgen geplagten Sultan. Ursula-Höpfner-Tabori, Ehefrau des 2007 gestorbenen Theaterregisseurs, gibt des Sultans politisch klug kalkulierende Schwester. Anna Graenzer ist Nathans Tochter Recha: eine schwärmerische, verzopfte Jugendliche, die ausgerechnet in jenem Tempelritter, der sie aus dem Feuer rettet, ihren Märchenprinzen sieht.

Lucas Prisor schlüpft in die Rolle des kampflustigen Christen, dem es nicht nur aufgrund des falsch herum aufgesetzten (Tropen-)Helms immer mal wieder an (Ein-)Sicht mangelt. Veit Schubert erweist sich als spielfreudiger Tausendsassa: Als rotohriger Derwisch kommt er per Rad auf die Bühne und dreht wenig später als in Nöten geratener Schatzmeister schon burlesk am selben. Durchtrieben dagegen ist sein Patriarch, das boshafte Abbild eines machthungrigen, menschenverachtenden Kirchenfürsten.  Dem steht Martin Seiferts pfiffiger Klosterbruder gegenüber, der als unwilliger Befehlsempfänger perfekt seine Pointen zu setzen weiß.

Bliebe noch Carmen-Maja Antoni. Als kleine, schlitzohrige Haushälterin und Gouvernante ist sie ganz groß. Und wenn die 67-Jährige schließlich nach dem Happyend, bei dem Juden, Muslime und Christen sich in den Armen liegen, vor den Vorhang tritt, um Heiner Müllers ernüchterndes „Lessing Schlaf Traum Schrei“ als Epilog vorzutragen, dann ist das Claus Peymanns Art, sein Publikum mit der Nachricht vom Scheitern der Intellektuellen und Gutmenschen auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Prasselnder Applaus.

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