Von Abseitsfallen und Eigentoren
Bild: Dünhölter
Angespannte TV-Runde: (v. l.) Maike Kühl, Daniel Graf, Heiko Seidel und Martin Maier-Bode vom Düsseldorfer Kom(m)ödchen leuchteten beim Spiel der Nationalmannschaft deutsche Befindlichkeiten und Ansichten aus.
Bild: Dünhölter

 Aus den Sofa-Aktivisten sollen die Fernsehhelden eines abendfüllenden Programms werden. Unmöglich? Nicht für die Mannschaft des Düsseldorfer Kom(m)ödchens, das mit seinem Programm „Deutschland gucken“ am Donnerstag in der Gütersloher Stadthalle gastierte. König Fußball wurde dabei vom angekündigten Hauptprotagonisten ganz schnell zum Bankdrücker degradiert. Martin Maier-Bode, Daniel Graf, Maike Kühl und Heiko Seidel zelebrierten zweieinhalb Stunden als Verbal-Dribbelkünstler eine witzige, nachdenkliche, auch mit Lokalkolorit („Bauch, Beine, Po in Gütersloh“) angereicherte und immer wieder Überraschungen bietende Gesellschaftssatire.

Zwischen vegetarischen Käsekräckern und Frikadellen von der Tankstelle bot das Quartett eine wunderbar überzeichnete, mit komödiantischen Spitzen versehene, gleichwohl zutreffende Detailanalyse politischer und persönlicher Anschauungen. Plötzlich ging es nicht mehr um Torverhältnisse und Abseitsfallen, sondern um Flüchtlingskrise, Territorialverhalten und die Willkommenskultur in der Zeitrechnung „vor und nach Köln“. Und es ging um Fragen wie „Gehen die Deutschen tatsächlich anders als die Gauchos?“, oder „Wie peinlich ist der Satz: ,Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein?‘“.

Gekonnt spielten sich die Wortjongleure die verbalen Querpässe in den Lauf, um jeweils Tore zu machen. Während Dieter, ein von Beruf und Technik gefangener Familienvater, bedauerte: „Vor ein paar Jahren hat die ganze Welt zu Deutschland aufgeschaut. Heute wird man komisch angesehen, wenn man fröhlich seine Fahne schwenkt“, gab sich Lutz als Weltbürger: „Das mit dem Nationalstolz ist Nazi-Scheiße. Nur Leute mit Primitivintelligenz bilden sich auf ihre Heimat etwas ein“, schimpfte er.

 Nachdem die Argumente, Philosophien und Lebenseinstellungen wie Bälle durchs verzückte Auditorium geflogen waren, eine Zeitreise in die 70er-Jahre hinter einem lag und Lukas Podolski in der 79. Minute das 1 : 0 erzielt hatte, lag sich das Kabarett-Ensemble beseelt in den Armen. Und Maike Kühl zog als Arte-Filmerin Solveig die ernüchternde Bilanz: „Wahrscheinlich gibt es 80 Millionen Antworten auf die Frage, was Deutschland ausmacht.“ So gesehen war die Grundlagen-Analyse und Charakterstudie dieser x-beliebigen Männer-Fußball-Runde irgendwo in Deutschland nicht nur für Sportfans ein echtes „Tor des Monats“.

SOCIAL BOOKMARKS