Von „Babylon Berlin“ ins Theater Gütersloh
Einer der besten Schauspieler Deutschlands und doch vielen namentlich unbekannt: Christian Friedel („Das weiße Band“, „Elser“, „Babylon Berlin“) kommt mit einer musikalischen Shakespeare-Revue nach Gütersloh.

„Bereit sein ist alles“, sagt Hamlet – wenn auch mit einer gehörigen Portion Fatalismus. Weitaus weniger schicksalsergeben als seine Lieblingsfigur, sondern sehr zielstrebig zeigt sich der Schauspieler, Musiker und Regisseur Christian Friedel. Er war der unbedarfte Lehrer in Michael Hanekes preisgekröntem Film „Das weiße Band“ und hätte als Hitler-Attentäter „Elser“ gern die Welt verändert. Darüber hinaus punktet er auf den großen Bühnen wie in Düsseldorf als „Der Sandmann“ oder zelebriert in Göttingen einen ganz besonderen „Schwanengesang“ mit Schubert-Liedern.

  „Die Glocke“: Herr Friedel ist es Zufall oder Absicht, dass sie so oft Charaktere darstellen, die sich vor einem finsteren Zeitgeist als Mensch bewähren müssen?

Friedel (lacht): Reiner Zufall! Aber es ist toll, eine Figur zu formen in einer Zeit, in der man merkt, da schwillt etwas Merkwürdiges, Böses an, ohne es richtig benennen zu können. „Babylon Berlin“ beginnt ja recht unbedarft. Das Gefühl „Alles ist möglich“ beherrscht anfangs die Szenerie. Erst nach und nach werden die Abgründe deutlich.

„Die Glocke“: Was war das Besondere an den Dreharbeiten?

Friedel: Die ersten beiden Staffeln haben wir vor zwei Jahren maßgeblich in Berlin, aber auch in Essen gedreht. Spannend war, dass wir mit drei parallel arbeitenden Regisseuren mit unterschiedlicher Handschrift zu tun hatten. Tom Tykwer ist sehr genau und umsichtig, sorgt für ein gutes Grundgefühl am Set. Henk Handloegten ist präzise und dabei auch verspielt und Achim von Borries lässt das Geschehen gern fließen. Er ist der Lustige, Gefühlsmäßige. Am Ende ist trotzdem eine schlüssige Version herausgekommen.

„Die Glocke“: Was hat Ihnen die Rolle gebracht?

Friedel: Wer in solch eine Zeitmaschine steigt, lernt viel aus der Geschichte. Es darf sich nicht wiederholen, dass ein Chaos wie in der Weimarer Republik zum Nährboden eines faschistischen Systems wird, in dem Menschen grausame Dinge erleiden müssen. Man fragt sich, wie mutig man selbst gewesen wäre – und auch, wie politisch man heute ist. Da war es gut, dass es immer wieder Themenabende für die Crew gab, an denen die historischem Ereignisse im Kontext erklärt wurden und in der Diskussion eine Brücke zu heute geschlagen wurde. Sehr ungewöhnlich beim Film.

„Die Glocke“: Haben Sie mit ihrer Einstellung Probleme in Dresden?

Friedel: Theater ist immer auch ein politischer Ort und steht daher in der Pflicht, sich zu positionieren – gegen Fremdenhass, für Toleranz. Nach dem Film „Elser“ habe ich in Dresden Brechts Arturo Ui gespielt. Wir haben ihn bewusst nicht als groteske Karikatur gezeigt, sondern offengelegt, in welch schleichendem Prozess Rechtspopulismus durch jede Lücke dringt und manipuliert. Es gab Schmäh- und Drohbriefe.

„Die Glocke“: Frustriert oder schockiert Sie das?

Friedel: Nein. Ich habe mit AfD-Wählern diskutiert. Die merken oft gar nicht, dass diese Partei nur aus Populisten besteht und dass sie sich mit Neonazis solidarisiert. Der Knackpunkt ist immer der Satz „Wir sind keine Nazis, aber . . . “. Das hat es schon einmal gegeben und nicht funktioniert. Ich gebe die Hoffnung trotzdem nicht auf, dass wir ihnen das im Gespräch klar machen können. Wir müssen uns dafür aber Zeit nehmen. Und die Realitätsferne der etablierten Parteien muss aufhören, um dieser fortlaufenden Demokratie-Demontage der AfD entgegenzuwirken.

Shakespeare erzählt Grundlegendes übers Menschsein

„Die Glocke“: Die Zeit ist aus den Fugen – heißt es bei Hamlet. Was reizt Sie an Shakespeare?

Friedel: Schon als Kind war ich von der TV-Serie, die seine Stücke in kleine Fabeln übersetzte, begeistert. Später habe ich gemerkt, dass Shakespeare für jeden Theaterschaffenden aufgrund seiner inhaltsschweren Sprache ein Geschenk ist. Denn er erzählt Grundlegendes übers Menschsein. Und das nicht nur in Hamlets Monolog „Sein oder Nichtsein“. Es gibt immer wieder Neues zu entdecken.

„Die Glocke“: Was Sie mit Ihrer Band „Woods of Birnam“ auf geradezu abenteuerliche Art und Weise auch tun. Wie kam es dazu?

Friedel: Die Band wurde 2011 in Dresden gegründet – als Pop-Band. Vier der Musiker stammen von der Gruppe „Polarkreis 18“, die mit „Allein, Allein“ einen Hit landete. Wir wollten aber keine Neuauflage davon werden, sondern etwas Eigenes auf die Beine stellen. So begleitete mich die Band live bei einer Hamlet-Neuinszenierung in Dresden. Daraus hat sich ein ganz eigenes, verdichtetes Shakespeare-Projekt in fünf Akten, eben „Searching for William“, entwickelt, dessen musikalischer Leitwolf ich bin.

 „Die Glocke“: Sie spielen und singen darin und führen auch noch Regie. Was gefällt Ihnen am Besten?

 Friedel (lacht): Die Mischung. Ich kann auf der Bühne in wechselnde Rollen schlüpfen, darf singen und hab das Sagen. Da hat man praktisch den ganzen Abend in der Hand. Das ist toll, würde aber ohne ein großartiges Team nicht funktionieren.

„Die Glocke“: Im Mai haben Sie am Düsseldorfer Schauspielhaus als musikalische Revue Orwells „1984“ herausgebracht.

 Friedel: Ja, quasi eine Auftragsarbeit, die den Roman mit zwölf Songs der Band voller Wucht verbindet.

„Die Glocke“: Und wieder geht es um das Thema Angst und Unterdrückung.

Friedel: Der Roman erzählt von einem totalitären System, das die Vergangenheit leugnet, die Gegenwart manipuliert und so ein Zerrbild vom Leben erschafft. Das erzeugt Angst. Und der müssen wir uns stellen. Gerade in Zeiten, in denen ein Trump ungestraft von Fake News redet und wir uns unsere eigenen Realitäten durch soziale Medien erschaffen. Bei all dem vergessen wir, wie das Leben wirklich ist. Dem müssen Theater und Film entgegenwirken.

„Die Glocke“: Wem gelingt das besser?

Friedel: Beide haben ihre Stärken. Das Theater führt den direkteren Dialog mit dem Publikum. Es spürt sofort, mit welcher Empathie dort jemand auf der Bühne etwas vertritt. Aber das Theater ist nicht mehr so relevant wie der Film. Wobei sich auch dort das Sehverhalten des Publikums durch Streaming-Dienste verändert. Das erfordert ein Umdenken der Filmemacher.

 „Die Glocke“: Wie reagieren Sie?

Friedel: Ich bin ein Riesenfan vom Kino. Ganz unabhängig von all den Popcorn-Raschlern und Dauer-Sabblern, finde ich es toll, mit vielen Leuten in einem Raum zu sitzen und etwas gemeinsam zu erleben. Das ist viel besser, als wenn sich jeder vor den großen Fernseher oder das Tablet zuhause zurückzieht.

„Die Glocke“: Welche neuen Projekte gibt es?

 Friedel: Am 5. Oktober erscheint das neue Album von „Woods of Birnam“ unter dem Titel „Grace“. Es ist bislang unser persönlichstes, denn ich habe den frühen Tod meiner Mutter verarbeitet. Es geht aber auch um Jugend und Älterwerden. Mitte November, direkt vor dem Auftritt in Gütersloh, bin ich mit der Düsseldorfer Inszenierung „Der Sandmann“ für drei Tage in Shanghai. Und dann fangen die Dreharbeiten zur dritten Staffel von „Babylon Berlin“ an. Darin werden die Zuschauer sehr viel mehr über den Fotografen Gräf erfahren.

„Die Glocke“: Was wünschen Sie sich?

Friedel: Unabhängig von weiteren spannenden künstlerischen Projekten, wünsche ich mir eine offenere und tolerantere Gesellschaft, die aus den Fehlern der Geschichte lernen kann.

Für Christian Friedels Shakespeare-Abend „Searching For William“ am Mittwoch, 28. November, 20 Uhr im Theater Gütersloh gibt es noch Karten in den „Glocke“-Geschäftsstellen.

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