Von bösen Kindern und guten Regisseuren
Bild: Pieper
Carsten Unger, 34-jähriger Regisseur aus Gütersloh, zeigte jetzt erstmals an der Dalke seinen bereits preisgekrönten Debütfilm "Bastard".
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 In einer Sondervorstellung hat der 34-jährige Gütersloher am Samstag seine beeindruckende, bereits mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ und mit dem Württembergischen Filmpreis ausgezeichnete Mischung aus Psychothriller und Sozialdrama im Bambi-Kino vorgestellt. Es gab basses Erstaunen - und viel Applaus.

 Die Geschichte von Leon – Gänsehaut erzeugend gut gespielt von Markus Krojer („Wer früher stirbt, ist länger tot“), ist die Geschichte einer verlorenen Kindheit. Sie erzählt von einer Welt, in der Heranwachsende von Eltern allein gelassen werden, physisch und psychisch. Daraus resultieren Verletzungen, Einsamkeit, Sehnsucht und Wut. Unbändige, übermächtige Wut, die Leon, dieses ungewollte, zur Adoption freigegebene Produkt einer Vergewaltigung 13 Jahre später dazu bringt, in das heile Familienleben seiner leiblichen Mutter einzudringen. Er entführt deren kleinen Sohn, seinen Halbbruder, hält ihn wie ein Tier gefangen, und zwingt seine Mutter sowie deren Mann, ihn, den Bastard, bei sich aufzunehmen. Als Helferin für diese bizarre

Mit dem tradítionell im 35-mm-Format gedrehten  „Bastard“ tourt Carsten Unger derzeit über die nationalen und internationalen Festivals (Indien, New York, Boston, St. Petersburg) auf der Suche nach einem Verleiher für die weitere, kostenintensive Kino-, DVD-, Blueray- und TV-Verwertung. Zudem ist er schon mit seinem neuen Film beschäftigt. „Es wird ein romantischer Soldatenfilm – wenn es so etwas gibt“, versucht er sein Faible für Ambivalenz und auch fürs Geschichtenerzählen zu beschreiben. Gedreht wird unter anderem in Afghanistan. Zu Recherchen hielt sich der 34-jährige Gütersloher jüngst drei Wochen in Masar-e-Sharif auf, „um Alltag, Sprache und Gestus der deutschen Soldaten zu studieren. Ich will eine größtmögliche Authenzität“, gibt sich der Regisseur extrovertiert. Als Drehbuchautor hingegen genießt er die „Momente der Zurückgezogenheit“.
Familienaufstellung mit fatalem Ende dient sich Mitschülerin Mathilda an. Ungers Neuentdeckung Antonia Lingemann spielt sie als perfide Lolita.

Die Raffinesse und zunehmende Verrohung, mit der die Jugendlichen die Erwachsenen manipulieren, entmachten und demütigen, erreicht schnell die beklemmende Qualität einer Stieg-Larsson-Verfilmung. Unger, der – inspiriert von der tollwütigen Fanhysterie in einem „Tokio Hotel“-Video – auch das Drehbuch schrieb, setzt diese Beklemmung außerordentlich subtil, teils etwas zu symbollastig, aber immer unerbittlich sanftmütig ein. Das spiegelt sich in der Musik, in schnellen Schnitten und auch in ungewöhnlichen Kamera-Perspektiven wider, für die Lars Petersen bei den Hofer Filmtagen den mit 10 000 Euro dotierten Förderpreis erhielt.

Wer ins Bambi gekommen war, um die Familie des Regisseurs in Statistenrollen zu sehen – Bürgermeisterin Maria Unger, deren Mann Manfred, Tochter Anke, Schwiegersohn Mario und Enkelin Anna sind kurz bei einer Taufzeremonie zu sehen – für den bot diese Komparserie nur ein kurzes Atemholen. Dann war man vom Erschrecken, was gebrochene Versprechen anrichten können, auch schon wieder gefangen.

Carsten Unger hat diese Radikal-Ästhetik gewollt. Und er hat beim Studium an der Württembergischen Filmakademie das passende Rüstzeug erworben, um sie versiert umzusetzen. „Spannung durch überraschende Wendungen zu erzeugen und ausgefeilte Charaktere zu schaffen, das ist meine Stärke“, sagt er selbstbewusst. Immerhin hat er damit Martina Gedeck für die Rolle der Kriminalpsychologin ködern können. Dass der mit 126 Minuten durchaus noch kürzbare Debütfilm keinen Helden zum Liebhaben hat, gehört „zu den Freiheiten, die man sich am Anfang seiner Laufbahn nehmen sollte. Da darf und muss man mutig sein.“

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