Wahnwitziges aus des Punkers Wundertüte
Bild: Pieper
Zwischen Auftritten in Wien und Madrid gab Organist Cameron Carpenter an seiner ITO-Orgel im Rahmen der Reihe „Vier Jahreszeiten“ ein Konzert im Theater Gütersloh.
Bild: Pieper

 Der just 35 Jahre alt gewordene Amerikaner ist genauso ein Phänomen wie die eigens für ihn gebaute ITO-Orgel. Eine mehr als eine Million Euro teure digitale Sonderanfertigung, die es Carpenter ermöglicht, das Klangbild von 43 verschiedenen Orgeln – vom traditionellen Kircheninstrument über die jazzige B 3-Hammond- bis hin zur Mighty-Wurlitzer-Orgel – in immer neuen Variationen zu nutzen. Eine gigantische, fünfmanualige Spielwiese, die von drei Supercomputern gesteuert wird und mit 32 Lautsprechern versehen ist. Eine Königin der Instrumente, die in ihrem hippen, schwarzpolierten Ornat wie ein Zwitterwesen aus monströsem Synthesizer und futuristischem Enterprise-Steuerungs-Instrumentarium wirkt. Eine Wundertüte und Trickkiste für einen ganz eigenen musikalischen Kosmos.

 Und in dem agiert ein überaus selbstbewusster Cameron Carpenter. Schlank, drahtig und jungenhaft, mit sauber rasiertem Irokesenschnitt, im trendig-saloppen Schwarz gekleidet, verbeugt er sich tief vor seinem Publikum und startet mit Wagners „Meistersingern“. Das klingt anfangs noch ganz filigran. Man glaubt Vogelstimmen und ein Akkordeon zu hören, ehe Carpenter beginnt, im wahrsten Sinn des Wortes alle Register zu ziehen. Obsessiv entfacht er einen Klangsturm, der mit der guten alten Oper nur noch wenig zu tun hat. Wagner hätte das vermutlich gefallen, schließlich ging es auch ihm darum, das immer schon Dagewesene, Formelhafte aufzubrechen.

Dass Carpenter damit sein Konzert beginnt, ist eine klare Botschaft. Der Amerikaner ist angetreten, um die verstaubte Musikwelt auf den Pfeifenkopf zu stellen. Er will das demütig frömmelnde Netz, mit dem die Orgel im Lauf der Jahrhunderte zugedeckt und zur bloßen Gottesdienst-Begleiterin degradiert wurde, zerreißen. Auf der Orgel, so Carpenter, sei jede Art von Musik spielbar. Weshalb er denn auch jedes Werk transkribiert, das er auf seiner ITO spielen möchte und diese in allen möglichen Konzertsälen, auf großen und kleinen Theater- und Clubbühnen aufbaut. Das massenkompatible Orgelspiel soll nicht länger nur bloße Zukunftsvision sein.

Bach setzt dem Organisten Grenzen

Carpenter agiert mit großer Lust und Leidenschaft, mit kalkulierter Raffinesse und bühnenwirksamer Egozentrik. Vorgeschriebene Tempi und klassische Regularien sind ihm egal. Ihm geht es darum, den emotionalen Extrakt des Werks herauszufiltern. Dafür lässt er seine Finger im wilden Parforceritt über die Tasten jagen und steppt mit seinen Swarovski-Glitzerschuhen auf den Pedalen als sei er bei „Riverdance“.

Solch programmatische Wildheit mag Tschaikowskys sehnsuchtsvolles Allegro aus der sechsten Sinfonie seiner Melancholie entreißen. Das passt auch noch gut als Live-Begleitmusik zu den Slapstick-Katastrophen in Buster Keatons Stummfilm „One Week“, den das Publikum mit offensichtlichem Vergnügen genießt. Denn da wirkt Carpenters Wurlitzer-Sound authentisch. Doch bei der Annäherung an Bach (Präludium und Fuge B-Moll sowie Passacaglia und Fuge BWV 582) stößt der 35-Jährige an seine Grenzen...

Den kompletten Bericht lesen Sie in der Gütersloher „Glocke“ vom 7./8. Mai.

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