„Zeitsprung“ mit suggestiver Kraft
Bild: Gans
Die 90 Teilnehmer für das Laien-Tanztheater-Projekt "Zeitsprung" wurden bei der Premiere im Gütersloher Theater mit Ovationen gefeiert.
Bild: Gans

 Und es geht auch um die Zustimmung der Zuschauer, die ihre Freunde, Eltern, Kinder und anderweitig Verwandte wohl nie auf einer Ballettbühne gewähnt hätten, aber nun sehen, dass auch Laien im modernen Tanz dank harter Arbeit über sich hinauswachsen können.

„Characters I“ heißt das bereits zweite Tanzprojekt in Gütersloh, dessen Premiere am Freitag im ausverkauften Theater mit wahren Ovationen gefeiert wurde. Es lehnt sich – sehr frei – an dem vor drei Wochen ebenfalls in Gütersloh uraufgeführtem Stück „Die vier Temperamente“ des Bielefelder Tanztheaterchefs Gregor Zöllig an. Die für „Characters I“ zuständigen Choreographen Stéphanie Bouillaud, Antje Rose und Roberto Morales sind mit Zölligs Arbeit einerseits vertraut genug, um dessen professionelle Ästhetik fortzuführen. Andererseits aber eigenständig genug, um auch eigene, auf Laien zugeschnittene Ideen umzusetzen.

Rund 90 Teilnehmer aus dem Kreis Gütersloh, je zwei Gruppen aus Erwachsenen und aus Schülern der Anne-Frank-Schule und der Janusz-Korczak-Schule, waren in wochenlanger, intensiver Probenarbeit damit beschäftigt, sich zum vorgegebenen Thema einzubringen und die zuweilen sehr komplexen Abläufe soweit zu verinnerlichen, dass am Ende ein Stück wie aus einem Guss dabei herauskam.

Es war ein über weite Strecken eher abstrakter Tanz, der es manchem Zuschauer nicht eben leicht machte, die Thematik – die vier menschlichen Typen Phlegmatiker, Melancholiker, Choleriker und Sanguiniker – in den Szenen wiederzuerkennen. Und dennoch fanden die drei Choreographen Bilder von großer suggestiver Kraft. Denn sie verstanden es, die verschiedenen Gruppen virtuos zu immer neuen, eindrucksvollen Tableaus in stetig fließender Bewegung zusammenzuführen.  Szenen, in denen Individuen auf der Bühne standen, wie der Junge, der mit seiner Blume zur Poesie animierte, waren ebenso selten wie erzählende Momente, etwa der „Zickenkrieg“ unter den sich lustvoll bekriegenden Mädchen – und wirkten deshalb umso eindrücklicher.

 Die sorgfältige Musikauswahl, die behutsam eingesetzte Lichtregie und die farblich die Temperamente verdeutlichenden Kostüme von Imme Kachel rundeten diese Inszenierung sinnfällig ab. Ein Glücksfall für das Publikum, dass solche aufwändigen Projekte durch die enge Kooperation der beiden Theater nun möglich sind. Keine Frage, dass dieser Abend neue Freunde für den zeitgenössischen Tanz gewonnen hat - bei Mitwirkenden wie bei Besuchern.               

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