Zeitzeuge schildert atomaren Horror
Oleg Geraschenko erklärte seine gefährliche Arbeit am zerstörten Atomkraftwerk in Tschernobyl.

Svetlana Krassovskaia und Oleg Geraschenko sind zwei Zeitzeugen, die in der Realschule Gruppen, Klassen und Einzelpersonen erzählen, wie sie die Katastrophe in der damaligen Sowjetunion erlebt haben. Heute Morgen besuchte die Städtische Realschule Harsewinkel die Ausstellung, um sich anschließend in einer Fragestunde die Geschehnisse aus erster Hand schildern zu lassen. Rund 800 000 zwangsrekrutierte Helfer wurden seinerzeit mehr oder weniger ungeschützt der atomaren Strahlung ausgesetzt. „Je gefährlicher die Räume, desto dicker waren die Türen“, erinnert sich Oleg Geraschenko an seinen Einsatz als Katastrophenhelfer im Juni 1986.

Lebensgefährliche Strahlendosis

Als ein „Verbrechen“ bezeichnet er es, dass die Bevölkerung kaum informiert oder gewarnt wurde und die Helfer wissentlich einer lebensgefährlichen Strahlendosis ausgesetzt wurden. Anders als in Tschernobyl wird in Japan dem Vernehmen nach jedoch niemand zwangsweise der Gefahr ausgesetzt. „Atomare Kamikaze“, nennt Dolmetscher Dr. Juri Schklar die freiwilligen Einsatzkräfte in Fukushima, die immerhin mit vernünftigen Schutzanzügen ausgerüstet seien. Gleichzeitig macht der heute 61 Jahre alte Geraschenko darauf aufmerksam, dass aus Tschernobyl nichts gelernt worden sei und die heutigen Reaktoren nach dem gleichen Prinzip gebaut würden. Eine der brennendsten Fragen an den ehemaligen Feuerwehrmann aus der Ukraine war, ob man es merke, wenn man verstrahlt würde.

„Man kann die Strahlung nicht fühlen“

 Geraschenko verneint es mit einem leisen Kopfschütteln: „Man kann die Strahlung nicht fühlen oder schmecken.“ Übelkeit, Bluthochdruck und schreckliche Kopfschmerzen seien die Folgen seiner Strahlendosis gewesen. Noch heute muss der Vater zweier Kinder, der sich in einem Verein für ehemalige Katastrophenhelfer engagiert, Medikamente nehmen. Viel Hilfe vom Staat gab es nicht. Geraschenko war hinterher arbeitslos. Auch Svetlana Krassovskaia erfuhr nicht viel Unterstützung. Schwangeren wurde dringend geraten, ihr Kind abzutreiben. Nach drei durchweinten Nächten entschloss sie sich dagegen. „Mein Tschernobylkind“, kann sie heute angesichts eines gesunden Sohnes wieder lachen.

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