Zeitzeuge warnt vor einem Rechtsruck
Bild: Bojak
Spielgefährte von Anne Frank: Pieter Kohnstam (rechts) wurde im Juni 1936 als Sohn einer jüdischen Familie in Amsterdam geboren. Die Familie Frank waren Nachbarn. Zum Auftakt des bundesweiten Anne-Frank-Gedenktags berichtete der 82-jährige, auf dem Bild mit Patrick Siegele, dem Direktor des Anne-Frank-Zentrums, über die Flucht seiner Familie vor den Nazis.
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Der 82-Jährige schluckt, bevor er die Frage beantwortet. Dann wendet er sich mit brüchiger Stimme an die Schüler der Anne-Frank-Gesamtschule: „Vergesst nie, was Menschen getan haben und wofür Menschen gestorben sind.“

Kohnstam ist aus den Vereinigten Staaten angereist, um gemeinsam mit dem Anne-Frank-Zentrum mit Sitz in Berlin dazu beizutragen, die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Am Mittwoch – an diesem Tag wäre Anne Frank 90 Jahre alt geworden – ist er zu Gast in der Gütersloher Anne-Frank-Gesamtschule. Das Gespräch mit Pieter Kohnstam markiert den Auftakt des bundesweiten Anne-Frank-Gedenktags. Schüler der Jahrgangsstufen zwölf hören dem wahrscheinlich letzten Zeitzeugen zu, der Anne Frank noch persönlich gekannt hat. Seine Familie und die Familie Frank waren in den 1930er-Jahren in Amsterdam Nachbarn.

Juden glaubten, Holland sei sicher

Kohnstam erzählt, wie sich das Leben für die jüdischen Familien in Amsterdam nach und nach dramatisch veränderte. „Viele ließen sich in Amsterdam nieder, weil sie glaubten, sie seien in Holland sicher. Auch die Familie Frank. Niemand konnte ahnen, was ihnen widerfahren würde.“ Anne Frank beschreibt Pieter Kohnstam als Mädchen mit einem ausgelassenen Lachen. Das sieben Jahre ältere Mädchen habe gut auf ihn aufgepasst, als er ein Baby gewesen sei, und ihm später geduldig alle Fragen beantwortet. Nur, wenn es ihr zuviel geworden sei, habe sie gesagt: „Du fragst mir noch ein Loch in den Bauch.“

Terror beginnt mit der Besetzung

Kurz nach der Besetzung der Niederlande durch die Nationalsozialisten im Jahr 1940 habe der Terror gegen die Juden begonnen, erinnert sich Pieter Kohnstam. „Es war so diskriminierend, mit dem Judenstern über die Straße gehen zu müssen. Bis zu dem Zeitpunkt haben wir unter freundlichen, hilfsbereiten Menschen gelebt. Das hat sich dann verändert.“ Täglich habe es in den Wohnungen jüdischer Familien Razzien durch die Nazis gegeben. Sie hätten Kunstgegenstände, Bücher und Möbel mitgenommen. „Niemand wusste, wer der nächste war“, sagt Kohnstam. „Einige Nachbarn verschwanden einfach, kamen nie wieder. Sie wurden verhaftet, gefoltert und in Konzentrationslager gebracht.“ 1942 entschied Anne Franks Familie, sich in Amsterdam zu verstecken. Darauf zu warten, dass der Krieg zu Ende gehen werde. Im August 1944 wurden sie in der geheimen Wohnung im Hinterhaus entdeckt, verhaftet und deportiert. Nur Otto Frank überlebte und veröffentlichte 1947 das Tagebuch seiner Tochter.

Flucht nach Argentinien

Dass Pieter Kohnstams den Nazis entkam, hat er der Entscheidung seiner Eltern zu verdanken, sich nicht zu verstecken, sondern erneut zu fliehen. Bereits 1933 waren Otto und Ruth Kohnstam vor den Nazis aus Deutschland geflohen. 1942 machten sie sich noch einmal auf den Weg über Belgien, Frankreich und Spanien bis nach Argentinien.

Familie findet immer wieder Helfer

Kohnstam erzählt, wie seine Familie immer wieder Menschen findet, die ihr bei der Flucht helfen. „Meine Mutter hat elf Sprachen gesprochen“, antwortet er auf die Frage, wie diese Kontakte zustande gekommen seien. „Wie sie es genau angestellt hat, oft in kürzester Zeit wieder jemanden zu finden, der uns unterstützte, weiß ich nicht.“

„Setzt euch gegen Rassismus ein“

Was er den Schülern mitgeben will, weiß Kohnstam genau. In Zeiten, in denen der Hass gegen Juden wieder zunimmt und sich offen zeigt, will er gemeinsam mit dem Anne-Frank-Zentrum daran erinnern, wie wichtig ein respektvolles und demokratisches Miteinander ist. „Seid nicht gleichgültig, vergesst nicht, setzt euch gegen Rassismus ein“, appelliert er. Und Kohnstam erinnert an Anne Frank, die die Hoffnung auch in dunkelsten Zeiten nicht aufgegeben habe und das in ihrem Tagebuch so formulierte: „Ich halte daran fest, trotz allem, weil ich noch stets an das Gute im Menschen glaube.“

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