Keine Scheu vor Themen unter der Gürtellinie
Bild: Blumenstein
Seit 15 Jahren unterstützen sich Betroffene in der Prostatakrebs-Selbsthilfegruppe. Bernhard Erdmann, Günter Pelkmann und Hans Leidenroth (v. l.) bilden – noch – das Vorstandsteam.
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15 Jahre Prostatakrebs-Selbsthilfegruppe Kreis Gütersloh: „Da steckt viel Arbeit drin“, resümiert Günter Pelkmann (73), der nach wie vor den Vorsitz innehat. Von der engagierten Aufklärungsarbeit mit inzwischen 150 Gruppenabenden, Fachvorträgen, Ausflügen und Info-Aktionen zeugen rund ein Dutzend dicke Ordner. Immer am ersten Montag im Monat trifft sich die Gruppe um 17 Uhr im Harsewinkeler Heimathaus. Bei der Premiere am 30. Juni 2003, damals noch in Gütersloh, kamen 13 Männer. Jenny von Borstel von der Bürgerinformation Gesundheit und Selbsthilfe-Kontaktstelle Kreis Gütersloh (Bigs) hielt einen Vortrag. Die Fachfrau hatte entscheidenden Anteil daran, dass die Gruppe zustandekam. „Jenny von Borstel hat nicht lockergelassen und mich immer wieder angesprochen, sie doch zu gründen“, berichtet Günter Pelkmann schmunzelnd. Heute stehen 42 Männer und Frauen – Ehefrauen und Witwen von Betroffenen – aus dem ganzen Kreisgebiet auf der Mitgliederliste.

Am Montag, 1. Oktober 2018, 17 Uhr, sind alle Interessierten im Heimathaus Harsewinkel, Prozessionsweg 4, willkommen: Dr. Rüdiger Klän vom Klinikum Gütersloh spricht über Prostatakrebs-Therapiemöglichkeiten bei älteren Männern.

„Enorme Zunahme von Prostatakrebs“

Prostatakrebs sei auf dem Vormarsch, sagt Pelkmann, der früher stellvertretender Geschäftsführer einer Krankenkasse war. „Da gibt es einen enormen Zuwachs.“ Über die Art der Behandlung sei individuell zu entscheiden. Viele Faktoren spielten eine Rolle. Gerade bei Prostatakrebs gebe es unterschiedliche Verfahren. Hormontherapie, Operation, Bestrahlung sind nur einige Stichworte. Da leistet die Selbsthilfegruppe viel Aufklärungsarbeit. „Neulich rief mich ein Über-80-Jähriger an und beklagte, dass sein Arzt ihn wegen des Alters nicht mehr operieren wolle. Mit dem habe ich eine halbe Stunde gesprochen“, nennt der Vorsitzende ein Beispiel.

Man nehme sich Zeit für ausführliche Gespräche. „Viele Fragen können wir beantworten, weil wir praktische Erfahrungen gesammelt haben“, so Pelkmann über sich und seine Vorstandskollegen. „Wir raten aber auch mal dazu, eine zweite ärztliche Meinung einzuholen.“ Enger Kontakt besteht zum Prostatakarzinom-Zentrum im Klinikum Gütersloh, mit dem es seit 2009 einen Kooperationsvertrag gibt.

„Wir sprechen offen und ehrlich über Dinge, die unter der Gürtellinie liegen“

Erkrankte Männer und ihre Angehörigen finden in der Selbsthilfegruppe Unterstützung, Beratung und Halt. Vieles, was mit der Krankheit zusammenhängt, sei schambesetzt, weiß Günter Pelkmann. „Wir sprechen offen und ehrlich über Dinge, die unter der Gürtellinie liegen.“ Probleme mit der Potenz und mit Harninkontinenz seien vor allem nach Operationen häufig anzutreffen.

Die Krankheit schweißt zusammen und der Austausch hilft. Das erfährt auch der zweite Vorsitzende Hans Leidenroth seit drei Jahren. „Ein Arzt im Klinikum drückte mir das Faltblatt in die Hand, und ich bin direkt zur Gruppe gegangen. Das hat mir viel gebracht“, sagt der 85-Jährige. „Da ist Kameradschaft entstanden.“ Kassierer Bernhard Erdmann (70) erzählt, dass er sich nach der Krebsoperation 2005, durch die er stark inkontinent geworden sei, „komplett abgeschottet“ habe. Über seine Frau, die Günter Pelkmann kannte, kam er zur Gruppe – und fasste Mut. Nicht zuletzt der fachliche Austausch habe dazu geführt, dass er sich zu einer Operation entschloss, die das Inkontinenzproblem behob. „Wegen der Inkontinenz isolieren sich viele Betroffene“, wissen Erdmann und seine Mitstreiter. „Dabei gibt es da mehrere Möglichkeiten.“

Empfehlung lautet auf jährlichen Bluttest

Aufklärung sei dem Leitungsteam ein wichtiges Anliegen, betont Günter Pelkmann – nicht nur über Hilfen während und nach der Erkrankung, sondern auch über die Krebsvorsorge. „Mehrfach haben wir erlebt, dass ein Mitglied innerhalb eines Jahres nach der Diagnose gestorben ist.“ Eine Empfehlung lautet, dass Männer einmal jährlich einen Bluttest machen lassen sollten, auch wenn die Kassen ihn nicht bezahlen.

Pelkmann und Leidenroth wollen die Leitung der Selbsthilfegruppe in Kürze in andere Hände legen. Dafür suchen sie Interessenten. Kontakt: Günter Pelkmann, Telefon 05247/2454.

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