Struwwelpeter-Kabarett begeistert
Bild: Darhoven
Die Kabarettistin Sarah Hakenberg mit dem Malbuch „Kritzel dich durch die Geschichte“ von Andrew Pinder. Was so kulturell anmutend als „Klavier-Kabarett“ umschrieben war, waren Geschichtsstunden voller blutiger und brutaler Schauplätze.
Bild: Darhoven

Die Einladung hatte der Kultur- und Bildungsverein (Kubi) ausgesprochen. Eine gute Wahl, wenngleich auch ihre wort- und gestenreiche Brutalität etwas gewöhnungsbedürftig war, denn wenn Sarah Hakenberg den Mund aufmachte, schossen ihr meist ungefiltert Boshaftigkeit über die Lippen. Allerdings nicht plump oder niveaulos. Im Gegenteil. „Hervorragende, intelligente Unterhaltung, ein Gewinn für die Ohren“, hatte Frido Jacobs vom Kubi den Besuchern versprochen. Er behielt recht.

Vom ersten Lied an wurde deutlich, dass Sarah Hakenberg anders ist als all die Struwwelpeter-Kabarettisten. Ihre geschichtlichen Forschungsergebnisse mit dem Arbeitstitel „Struwwelpeter reloaded fürs 21. Jahrhundert“, ihr drittes Soloprogramm, waren von makaber-ironischen und schauspielerisch hervorragend gespielten Aggressionsschüben geprägt. Wie oft die Hoffmann-Geschichten im Lauf der Jahrhunderte kopiert und imitiert wurden, präsentierte die Kabarettistin mit einer Buchauswahl rund um Pfützenfritzchen aus den 20er-Jahren. Sarah Hakenberg zeigte den britischen Struwwelhitler aus den 40er-Jahren, die langweilige Struwwelliese aus den 50ern, den Anti-Struwwelpeter aus den 60er-Jahren und den Schwuchtelpeter aus den 80er-Jahren.

Ein als romantisch angekündigtes Liebeslied entpuppte sich als bösartige Abrechnung mit dem Ex und aus der „Gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug“, bei dem am Ende das Paulinchen verbrennt, wurde bei Sarah Hakenbergs Neuzeiterzählung „Benni, der Bombenbauer“, dessen selbstgebastelte Bombe für den geplanten Amoklauf in der Schule ihn schließlich selbst ins Jenseits befördert.

Viel Applaus gab es auch für das Lied der Zappelphillip-Neuauflage „Ritalin-Aline“ („Ritalin macht Kinder froh und Erwachsene ebenso“). Es gipfelte im Refrain „Ein Hoch auf legale Drogen“.

Viel Beifall gab es für die gesungene Erzählung über den kleinen Heinrich beim NPD-Kinderfest, der lieber „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ spielt statt der „Reise nach Jerusalem“. Da war es dann auch nicht mehr verwunderlich, dass die Kabarettistin beim Malbuch „Kritzel dich durch die Geschichte“ von Andrew Pinder in Verzückung geriet. Die Malaufgabe zur Französischen Revolution lautete „Bestücke die Körbe und Spieße mit Köpfen“. Auch wenn Sarah Hakenberg ihre Geschichten gnadenlos durch den Fleischwolf ihres Brachialkabaretts drehte, waren die Besucher begeistert von dieser Geschichtsstunde im 21. Jahrhundert.

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