Angeklagter sieht sich als Opfer
Bild: Reinhardt
Das Urteil im Herzebrock-Clarholzer Missbrauchsprozess wird am Montag erwartet.
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Dementsprechend lagen die Schlussanträge von Staatsanwalt und Verteidiger auseinander. Während der eine eine Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen in Tateinheit mit sexuellen Missbrauch von Kindern von dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe forderte, plädierte der andere auf Freispruch für den Angeklagten.

Die Rechtsanwältin der jungen Frau als Nebenklägerin stellte keinen bezifferten Antrag. Sie fasste noch einmal die Gesichtspunkte zusammen, die für die Glaubwürdigkeit ihrer Mandantin sprechen. Als erstes nannte sie die Aussageentstehung. Denn die heute 21-Jährige war nicht etwa zu ihrer Mutter gegangen, um von den bereits mehr als zwölf Jahre zurückliegenden beginnenden Missbrauch zu erzählen. Sie hatte zuerst einem früheren Freund berichtet, zwischen 1998 und 2004 von ihrem damaligen Stiefvater missbraucht worden zu sein. Der hatte sie zur Anzeige bei der Polizei gedrängt. Als danach das Ermittlungsverfahren „ruhte“, blieb sie bei ihren Angaben, zeigte aber keine Tendenz, ihren ehemaligen Stiefvater über die Maßen zu belasten oder das Verfahren voranzutreiben. Dabei blieb sie nach Einschätzung ihrer Anwältin und des Staatsanwalts auch bei ihrer gerichtlichen unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemachten Aussage. Es war kein Rundumschlag gegen den Angeklagten sagte der. Es sei eher ein vorsichtiges Bemühen um korrekte Erinnerung gewesen, erklärte der Staatsanwalt. Deshalb stellte er auch den Antrag, den Angeklagten hinsichtlich einiger zu wenig konkretisierbarer Übergriffe freizusprechen.

Der 60-Jährige, jetzt im Kreis Soest lebende Angeklagte, hatte vor den Plädoyers dem Gericht noch seinen Lebensweg geschildert. Der war in langen Phasen geprägt vom Alkohol. Ein Familienproblem, von den Vorfahren, sagte er. Einige seiner zehn Geschwister sind daran verstorben. Er selbst sei immer dann, wenn es Probleme gab, zum Quartalssäufer geworden und abgetaucht. Die Trinkerei hat ihm auch zahlreiche Vorstrafen, fast immer wegen Trunkenheit im Straßenverkehr oder Fahren ohne Fahrerlaubnis eingebracht. Seit März 2008 sei er aber jetzt trocken, erklärte der 60-Jährige. Am Montag erwartet er den Urteilsspruch der ersten Strafkammer.

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