Cornelia Ertmer blickt im Buch zurück  
Bild: Sudbrock
Erstlingswerk veröffentlicht: Die 66 Jahre alte Herzebrockerin Cornelia Ertmer hat ihre Kindheitserinnerungen in dem Buch „Der Geschmack von Lebertran“ niedergeschrieben.
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Oft hatte das Großwerden in den 1950er- und 1960er-Jahren einen penetranten Beigeschmack: „Wenn man freiheitsliebend war, stieß man ständig an irgendwelche Grenzen“, erinnert sich die ehemalige Lehrerin. „Regeln und Tabus waren an der Tagesordnung.“

Erstes literarisches Werk

Cornelia Ertmer hat den Erinnerungen an ihre Kindheit ihr erstes literarisches Werk gewidmet. Der 180 Seiten starke Erzählband mit dem Titel „Der Geschmack von Lebertran“ ist im Dortmunder OCM-Verlag erschienen. Das aus Fischöl gewonnene Stärkungsmittel Lebertran wird „dem Kind“ täglich noch vor dem Frühstück verabreicht. An der Flasche mit dem ekeligen weißen Inhalt führt kein Weg vorbei. Die Vermutung liegt nahe, dass das ungeliebte Getränk in dem Buch sinnbildlich für Prüderie und Heuchelei, für Vorschriften und Denkverbote steht. Wie „das Kind“ – und damit die Hauptfigur – der rund 50 kurzweiligen Kapitel heißt, bleibt ein Geheimnis.

Erleben steht im Mittelpunkt

Vielleicht ja Cornelia, so wie die heute 66 Jahre alte Autorin. Sicher ist es nur, dass die ersten überlieferten Erinnerungen im Alter von etwa zwei Jahren beginnen und die Erzählung endet, als „das Kind“ neun ist. „Jeder soll sich in dem Buch wiederfinden“, sagt Cornelia Ertmer. Deshalb stehe nicht die Hauptfigur, sondern das, was diese erlebt, im Mittelpunkt. Die Süßigkeiteneinkäufe bei der netten, alten Dame im Kiosk um die Ecke. Der Urlaub in einer von strengen Nonnen geführten Ferienunterkunft am Meer. Gut gehütete Familiengeheimnisse, über die die Erwachsenen beim Sonntagskaffee hinter vorgehaltener Hand sprechen. Oder der Waschtag, den die Mutter hasste und die Kinder liebten: Das Buch ist Zeitreise und Gesellschaftsstudie zugleich.

„Verlogenheit der 50er-Jahre“

Cornelia Ertmer bringt die schöne, heile Welt der Adenauer-Zeit ins Wanken. Sie spricht in diesem Zusammenhang von „der Verlogenheit der 1950er-Jahre“. Auf die Zeit des Nationalsozialismus sei damals von der aufstrebenden Mittelschicht der „Deckel draufgemacht“ worden. Stattdessen habe man sich Glücklichsein und Friede, Freude, Eierkuchen quasi selbst verordnet. „Ein Kind, das Fragen stellte, stieß oft an Grenzen“, erinnert sich Cornelia Ertmer, die in Recklinghausen das Licht der Welt erblickte. Sie war eines der Kinder, die mehr wissen wollten, als die Erwachsenen preisgaben. Wirklich zufriedenstellende Antworten waren meistens Fehlanzeige.

Die namenlose Hauptfigur im „Lebertran-Buch“ ist ganz Kind. Sie beobachtet, berichtet, aber bewertet nicht. Das überlässt sie lieber dem Leser. Etwa dann, wenn es um das einst weit verbreitete Heidenkinderkaufen geht. Für 20 hart zusammengesparte Mark konnten die Jungen und Mädchen in der noch jungen Bundesrepublik Kindern in Entwicklungsländern eine katholische Taufe und damit später auch den Weg ins ewige Leben ebnen – so zumindest die Verheißungen der Kirche. Rückblickend betrachtet gehört dieser Handel mit dem Himmel für Cornelia Ertmer zu „den Dingen, die damals nicht in Ordnung waren“.

„Mahnung an künftige Generationen“

Die Kirche sei schon immer einfallsreich gewesen, um an Geld zu kommen. Auch Lehrer, die Schüler schlugen und so deren Willen brechen wollten, sind für die Buchautorin indiskutabel. Ins kollektive Gedächtnis ganzer Generationen eingebrannt habe sich damals die Zweiteilung Deutschlands und der Welt – mit den vermeintlich Guten im Westen und den Bösen im Osten. „Dass es aber längst nicht so einfach war, haben wir schon als Kinder geahnt“, sagt die Herzebrockerin. Als Buch, das sie „einfach schreiben musste“, um die Erinnerungen an eine Zeit der Gegensätze wachzuhalten, beschreibt Cornelia Ertmer ihr Erstlingswerk. „Und als Mahnung an alle künftigen Generationen, sich nicht ohne Not neue Grenzen im Denken aufzuerlegen.“

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