“Das hätte ich mal besser nicht gemacht“
Foto: Schäfer
Gäste am Tresen hatte Kai Lönne schon seit Anfang November nicht mehr. Er bemängelt, dass nach außen der Eindruck entstehe, die Gastronomie komme mittels diverser Finanzhilfen gut über die Runden. Der Schein trüge, sagt der 48-Jährige.
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„Viele meinen, wir erhalten ausreichend Geld und könnten die Füße hochlegen.“ Dem sei nicht so, sagt der 48-Jährige. In vierter Generation führt der gelernte Koch seit 1996 das Gasthaus Lönne am Grenzweg. 19 Fremdenzimmer gehören zum Haus, eine Kegelbahn, mehrere Gasträume. Dieser Bereich macht mehr als die Hälfte des Betriebs aus.

Von 100 auf Null

Seit vielen Jahren ist Lönne auf Großveranstaltungen in der Kommune vertreten: Karneval in Möhler, Herzebrocker Schützenfest, Turnpike-Festival, Affentennis-Cup, Clarholzer Kirmes oder Trödelmarkt stehen als feste Termine im Buchungskalender. Gleichzeitig beliefert er Schausteller Carsten Lönne mit Getränken auf diversen Kirmesterminen in der Region. Im Corona-Jahr 2020 ging es für ihn und viele andere Gastronomen von 100 auf fast null. Einzig Karneval und eine Travestie-Schau hätten noch stattgefunden. Dabei baute Kai Lönne – in der Hoffnung auf Änderung – im vergangenen Jahr noch fünf weitere Zimmer an. Eine fünfstellige Investition. „Das hätte ich mal besser nicht gemacht“, stellt er rückblickend fest.

Häfte der Zimmer belegt

Rund die Hälfte der Zimmer sei derzeit unterhalb der Woche von Monteuren belegt. Frühstück und Abendessen müssten die sich aber derzeit selbst besorgen. „Das darf ich nicht machen“, sagt er. Und ein Lunch-Paket – das wäre möglich – wollen seine Gäste nicht. Außer dem Gastronomen selbst gehören noch vier Mitarbeiter zum Lönne-Team. „Sie sind alle in Kurzarbeit“, sagt er. Und für Großveranstaltungen, die er betreut, konnte er auf einen Stamm von bis zu 20 Mini-Jobbern zurückgreifen. „Die sind jetzt alle abgemeldet“, formuliert er vorsichtig, dass diese im Prinzip ihre Mini-Jobs verloren haben.

Schließung zum Dritten

Zum dritten Mal ist die Gaststätte geschlossen. „Seit dem 4. November“, erzählt der Gastronom. Nicht erst seit diesem Tag kommt weit weniger Geld in die Kasse. Und ja, Soforthilfe habe er im Frühjahr 2020 erhalten. Aber: „Das Geld wird wahrscheinlich zurückgehen.“ Das vermutet zumindest sein Steuerberater und hänge mit der Konstellation des Betriebs, der mit Getränkehandel, Hotellerie und Gastronomie eigentlich breit aufgestellt ist, zusammen. Für den zweiten, regionalen Lockdown im Sommer standen keine Hilfen in Aussicht. Und die Novemberhilfe der Regierung? „Die haben wir beantragt“, sagt Kai Lönne, der wöchentlich mit seinem Steuerberater kommuniziert. Einen kleinen Abschlag – weniger als die stets kommunizierten 5000 Euro – habe es in der Tat bereits gegeben.

Zulieferer ebenfalls betroffen

Der 48-Jährige schätzt sich glücklich, dass sich das Gasthaus am Clarholzer Grenzweg im Eigenbesitz befindet: „Die Kredite wollen aber bedient werden. Wie lange die Geldinstitute eine Stundung mitmachen, weiß ich nicht.“ Er weist auch auf den „Rattenschwanz“ hin, der hinter seinem Unternehmen stehe: Gemüsehändler, Großmärkte, Metzger, Zulieferer aller Art. Auch bei ihnen gehe wenig bis nichts. Die Dezemberhilfe wird er in den nächsten Wochen beantragen. Kein Unterfangen, das ohne professionelle Hilfe möglich wäre. Einfach gehe anders, sagt er. Das Thema sei dermaßen komplex, dass er sich als Unternehmer überfordert sieht.

Es hapert an der Umsetzung

Sauer macht ihn, dass seitens der Bundesregierung stets Gesetze angekündigt und verabschiedet würden, es dann aber mächtig an der Umsetzung hapere – wie bei der Auszahlung der Novemberhilfen. „Was ausgesprochen wird und was da heraus kommt, sind verschiedene Paar Schuhe“, ärgert sich Kai Lönne. Er ist genervt, schläft schlecht, hat Zukunftsängste und „ab und an eine sehr kurze Zündschnur“, sagt er. Mit Beginn des dritten Lockdowns hat das Gasthaus begonnen, freitags, samstags und sonntags Außer-Haus-Verkauf anzubieten. „Das wird angenommen, und das ist klasse.“ Immerhin müssten die Kunden ja auch „zu uns rausfahren“, merkt er an. Das Angebot tue auch finanziell gut, fange aber das normale Geschäft bei weitem nicht auf. Wovon er derzeit lebt? „Von KfW-Krediten.“ Aber auch die müssen irgendwann zurückgezahlt werden.

Zukunft ungewiss

Eigentlich kein Schwarzmaler, rechnet Kai Lönne in den kommenden Monaten nicht mit der Chance auf eine Wiedereröffnung in ausreichendem Maß, nicht mit Großveranstaltungen oder Feiern. Und selbst wenn: „Ich wüsste nicht, ob ich kurzfristig noch Personal finden würde.“ Viele seiner Mini-Jobber hätten sich zwischenzeitig andere Arbeitgeber gesucht. Auch ein Gedanke, der ihn beispielsweise den Plan, den Biergarten zu erweitern, vorläufig nach hinten schieben lässt. In eine ungewisse Zukunft.

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