Die Karikatur eines Kleinbürgers
Bild: Poetter
Ulrich Raue (Klavier; links) und Burkhard Sondermeier servierten satirische Texte von Tucholsky und Lieder von Komponisten wie Friedrich Holländer und Rudolf Nelson.
Bild: Poetter

Zu der „Hommage an Kurt Tucholsky“ hatten die Volkshochschule Reckenberg-Ems und die Gemeinde Herzebrock-Clarholz in die Bolandschule eingeladen. „Tucholsky wird immer mehr vergessen“, bedauerte VHS-Leiter Dr. Rüdiger Krüger. Er vermisste die Unter-40-Jährigen im Publikum.

 Die „Wendriner Texte“, die „Tucho“ – so nannten ihn seine Freunde – in der Zeit zwischen 1922 und 1930 für die von ihm gegründete „Weltbühne“ verfasste und unter dem Pseudonym Kaspar Hauser veröffentlichte, sind von erstaunlicher Aktualität. Die vom Autor beschriebenen soziologischen Studien der Weimarer Republik, so stellten die Zuhörer schnell fest, haben bis heute nichts an Brisanz verloren.

Begebenheiten aus dem Alltag

In den Texten beschreibt und kommentiert Kurt Tucholskys Kunstfigur „Herr Wendriner“ Begebenheiten aus dem Alltag. Kurze Geschichten mit Unterhaltungswert, die den Protagonisten als unsympathischen, halbgebildeten und intoleranten Spießbürger entlarven, der als krasser Opportunist nur den eigenen Vorteil im Sinn hat.

Köstlich, wie diese Karikatur eines Kleinbürgers und servilen Untertans durch die Rezitation von Burkhard Sondermeier Konturen bekam. „Das Bad in der Ostsee“, bei dem so ganz nebenbei Grundstücksgeschäfte angebahnt werden, die Erziehung der Kinder, „Ordnung muss sein“ oder Wendriners Reise nach Paris: Der Schriftsteller hat es verstanden, den Leuten „aufs Maul“ zu schauen. Small Talk, der sich als Gefasel entpuppt. Ansichten, die jedem Stammtisch zur Ehre gereichen. Kurz: Texte, in denen der Zuhörer sich wiederentdeckt, bei denen ihm aber auch das Lachen im Hals stecken bleibt.

Burkhard Sondermeier erwies sich nicht nur als exzellenter Rezitator, sondern auch als charmanter Interpret von Liedern wie „Fang nie was mit Verwandtschaft an“, „Hawaii“, „Lass mich dein Badewasser schlürfen“ und dem Couplet „Es gibt nur ein Berlin“. Als die beiden Künstler als musikalisches Betthupferl der „Tapezierertango“ aus dem Film „Wir Wunderkinder“ servierten, wollte der Beifall kein Ende nehmen.

SOCIAL BOOKMARKS