Herzebrock-Clarholzer harrt in Tokio aus
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Blick auf Japans Hauptstadt Tokio: Dort leitet der aus Clarholz stammende Raimund Wördemann das Goethe-Institut.
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Raimund Wördemann besuchte von 1971 bis 1975 die Wilbrandschule in Clarholz, machte sein Abitur am Einstein-Gymnasium in Rheda und studierte anschließend in Köln Kulturwissenschaften. Nach einem Volontariat bei der Bundeszentrale für politische Bildung war er unter anderem als Berater im Bildungsmarketing tätig. Seit 1993 arbeitet Raimund Wördemann beim Goethe-Institut. Nach Stationen in Shanghai und Korea ist die japanische Hauptstadt Tokio seit August 2010 sein Arbeitsplatz. Das Institut ist wegen Sicherheitsbedenken zurzeit geschlossen.

„Die Glocke“: Was sind für Sie die ausschlaggebenden Gründe, trotz der Katastrophe in Japan zu bleiben?

Wördemann: Ich bin dienstlich hier und trage Personalverantwortung. Wer in einer solchen Situation seine Mitarbeiter im Stich lässt, verliert sein „Gesicht“ und verspielt seinen Anspruch auf besonnene Führung. Die aber wird gerade in der Krise benötigt. Bislang gibt es aus dem Auswärtigen Amt, das sich mit der hiesigen Botschaft und vielen Fachleuten abstimmt, darunter natürlich Nuklearexperten aus dem Bundesumweltministerium, keine Aufforderung, das Land zu verlassen. Die Einschätzungen des Auswärtigen Amts und des Krisenstabs in der Zentrale des Goethe-Instituts sind meine Richtschnur.

„Die Glocke“: Wie reagiert Ihre Familie in Clarholz darauf, dass Sie in Japan geblieben sind?

Wördemann: Nun, normalerweise vermeide ich das Wort, aber meine Familie – meine Eltern ebenso wie meine Frau und meine Töchter – verhält sich erfreulich „cool“, weil sie mir vertraut, dass ich hier kein überflüssiges Heldentum markiere, sondern die Situation immer wieder neu einschätze und vernünftig handele.

„Wir flüchteten uns unter den Tisch“

„Die Glocke“: Wie haben Sie das schwere Erdbeben erlebt?

Wördemann: Ich war in meinem Büro, und es waren ja mehrere – im wahrsten Wortsinn – erschütternde Beben in Folge. Beim zweiten großen, am Freitag, 11. März, hatte ich Besuch von einem Beamten aus dem japanischen Außenministerium, mit Begleiterin. Wie in solchen Fällen üblich flüchteten wir uns unter einen Tisch, damit im schlimmsten Fall keine Deckenplatten oder Gegenstände auf uns knallen. Dort sagte mir der Beamte, er habe zeit seines Lebens immer wieder Beben erlebt, aber ein so schreckliches Dauerbeben, seit Tagen jetzt schon, das mache ihm doch echte Sorgen, das sei verrückt.

„Die Glocke“: Wie macht sich die Katastrophe in diesen Tagen in Japan bemerkbar? Sind die Menschen dort tatsächlich so gelassen, wie es das Fernsehen in Deutschland vermittelt?

Wördemann: Es herrscht eine beeindruckende Geistesgegenwart und Disziplin. „Wir können uns eben zusammenreißen“, sagte mir eine Japanerin kürzlich. Das ist eine Gelassenheit nicht in dem Sinn, sich einfach in sein Schicksal zu fügen, sondern es als eine Aufgabe zu verstehen. Hier läuft man nicht weg, hier stellt man sich den Schrecken und versucht als Gemeinschaft, ihrer Herr zu werden.

„Die Glocke“: Haben die Menschen Angst vor der atomaren Katastrophe und haben Sie selbst Angst?

Wördemann: Die Japaner, mit denen ich in der letzten Zeit gesprochen habe, haben mehr Sorge vor weiteren Nachbeben. Denn es ist schon irritierend, dass die Erde immer noch wackelt und stößt. Und sie sorgen sich um die Opfer der Tsunamikatastrophe. Manche haben einen schlechten Eindruck von den „Westlern“ bekommen, als sei denen ihre eigene Atom-Angst näher als die Bereitschaft, das Elend der Tsunami-Opfer wahrzunehmen.

Ich selbst bekomme so viele Telefonate von Ängstlichen, die ich zu beruhigen versuche, dass mir für eine mögliche eigene Angst gar keine Zeit bleibt. Einen Moment hatte ich, da wurde ich dann doch nervös. Ich ging zur U-Bahn, es wehte ein eisiger Wind, und auf einmal schwankte ein Hochhaus auf mich zu, und als ich meinen Fuß auf den Boden setzen wollte, wich der leicht zurück. Da dachte ich dann: Jetzt ist aber gut!

Wie Raimund Wördemann zurzeit den Alltag in Tokio erlebt und wie er seine persönliche sowie die Zukunft Japans einschätzt, lesen Sie in der „Glocke“-Wochenendausgabe vom 9. April.

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