Sechseinhalb Jahre Haft gefordert  
Bild: Reinhardt
In Handschellen wurde der Angeklagte am ersten Verhandlungstag in den Saal eins des Landgerichts Bielefeld geführt. Dort soll am 27. August auch das Urteil fallen.
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Die Verteidigung plädierte für dreieinhalb Jahre Haft. Nach den Plädoyers vor der zehnten Strafkammer des Landgerichts Bielefeld kochten im Gerichtssaal die Emotionen hoch. Nachdem der Angeklagte sich erhoben hatte, um den Eltern des Opfers mit gepresster Stimme sein Beileid auszusprechen und sich zu entschuldigen, fielen ihm der Bruder und der Vater des getöteten 32-Jährigen sogleich lautstark und hocherregt auf Polnisch ins Wort.

„Sie halten den Mund“, fuhr die Vorsitzende Richterin Jutta Albert die Angehörigen an und drohte, die beiden Männer des Saales zu verweisen. Erstmals hatte der Angeklagte zuvor gewagt, den Kopf zu heben und seinen Blick in Richtung der Familie des Opfers zu wenden. Zuvor waren bei der Mutter des Getöteten wiederholt Tränen geflossen. Ein weiterer Zeuge hatte ergreifend die erfolglosen Wiederbelebungsversuche geschildert.

In der Nacht zum 1. Februar soll der 50-Jährige in dem Wohnheim für Mitarbeiter der fleischverarbeitenden Industrie neben dem Landhaus Heitmann seinen 32-jährigen Landsmann getötet haben. Mit einem Messer mit einer 25 Zentimeter langen Klinge soll er ihm nach einer Auseinandersetzung einen Stich versetzt haben. Dabei hatte er erheblich unter Alkohol gestanden. Rund zwei Stunden nach der Tat war noch ein Alkoholgehalt von mehr als 2,6 Promille in seinem Blut festgestellt worden.

Nach zahlreichen Zeugenaussagen und dem Gutachten eines Psychiaters galt es am vierten Verhandlungstag zu klären, ob der Angeklagte im Zustand verminderter Schuld- und/oder verminderter Steuerungsfähigkeit gehandelt habe. Körperlich sei der Angeklagte trotz etwa drei Promille Alkohol im Blut zum Tatzeitpunkt „ganz gut zurecht“ gewesen, resümierte Staatsanwältin Stefanie Jürgenlohmann. Sein Denkablauf sei geordnet gewesen, sein Gang zwar schwankend, aber nicht torkelnd. Zudem habe der 50-Jährige billigend in Kauf genommen, dass er sein Opfer durch den Messerstich töten könnte. „Er wusste, wie scharf dieses Messer ist. Er hat täglich damit gearbeitet“, so die Staatsanwältin. Außerdem sagte sie: „Einen totalen psychischen Ausfall sehe ich nicht.“ Eine verminderte Schuldfähigkeit erkannte sie dennoch an.

Die Staatsanwaltschaft verkenne die Psychologie des Täters und berücksichtige bei ihrem geforderten Strafmaß die verminderte Schuldfähigkeit nicht genug, fand Verteidiger Martin Mauntel. Sein Mandant habe sich sehr bemüht, die Tat zu erklären. „Er hat versucht einzubringen, woran er sich erinnert“, so der Rechtsanwalt. Nach den Schlägen auf den Kopf, wobei der 50-Jährige eine Platzwunde am Kopf erlitten habe, die genäht werden muste, und mit Verdacht auf Kieferbruch im Krankenhaus behandelt wurde, seien die Erinnerungslücken glaubhaft. „Er schämt sich zutiefst für das Geschehen und bereut es“, so Mauntel. Das sei schon unmittelbar nach der Tat deutlich geworden, als der 50-Jährige versucht habe, das Opfer durch Mund-zu-Mund-Beatmung wiederzubeleben. Er halte deshalb dreieinhalb Jahre Haft für angemessen.

Die Verhandlung wird am Donnerstag, 27. August, fortgesetzt. Um 13 Uhr soll im Saal eins des Landgerichts Bielefeld das Urteil gesprochen werden.

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