Zeitzeugen aus Herzebrock erzählen
Bild: Schäfer
Freuen sich über die Fertigstellung des neuen Werks: Hans-Hermann Strickmann vom Heimatverein, der als Herausgeber fungiert, und Erwin Kriesche, Autor des Buchs.
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Auf 70 Seiten kommen Menschen aus der Gemeinde zu Wort, die die Zeit des Nationalsozialismus selbst als Kinder oder Jugendliche erlebt haben oder als Nachfahren davon wissen. Erwin Kriesche hat viel Zeit in das Projekt, das thematisch an drei vorangegangene Arbeiten anschließt, investiert. Ein Gespräch, das er mit einem Herzebrocker Poahl-Bürger vor fünf Jahren führte, war die Initialzündung. Da sei der Gedanke aufgekommen, dass diese Erinnerungen schriftlich festgehalten werden müssen. „Es gibt doch eine gewisse Verpflichtung, diese Dinge niederzuschreiben“ – und so als Mahnung im Bewusstsein für die Nachwelt zu erhalten. Davon zeigt sich Erwin Kriesche, der selbst im Jahr 1928 geboren wurde und, wie er sagt, zur „Erlebnisgeneration“ gehört, überzeugt. Natürlich habe er nicht kontinuierlich an dem Buch gearbeitet. Zumal es ihm wichtig gewesen sei, sich stets persönlich mit den Herzebrockern zu unterhalten. „Sporadisch und immer mal wieder“ habe er Gespräche und Interviews geführt.

 Gesprochen hat er nicht nur mit Nachfahren von Herzebrockern, die – in welcher Form auch immer – unter der Gewaltherrschaft gelitten haben. Sondern auch mit lebenden Zeitzeugen wie Ludger Drewes oder Hans Heinermann. Und so finden Schilderungen vom Kriegsende in Herzebrock und Kriegserlebnisse aus Kindertagen Eingang in den Band, den Kriesche mit Unterstützung von Hans-Herman Strickmann, Vorsitzender des Heimatvereins, umgesetzt hat. „Mir war es wichtig, einen Querschnitt zu schaffen, der die Zeit widerspiegelt“, sagt Kriesche. Nur wenige wüssten beispielsweise, dass es damals auch einen Reichsarbeitsdienst für Frauen gegeben habe. Der findet ebenso Eingang in den Inhalt wie das Soldatenschicksal des Julius Gaidzik oder die Bespitzelung von Pfarrer Beinert. Reichskristallnacht, Kriegsgefangenschaft, NS-Tötungen, Zwangsarbeit, Schulleben, Bombenhagel oder auch Feldpost werden ergänzt durch die Schicksale der jüdischen Mitbürger und der Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkriegs aus Herzebrock.

Im Buch „Aus der Zeit nationalsozialistischer Gewaltherrschaft“ ist auch ein Beitrag von Erwin Kriesche selbst vertreten, der am 12. Mai 1928 in Sattai in Nordböhmen geboren wurde. Der fast 90-Jährige beschreibt darin seinen Weg nach Herzebrock. Nachfolgend ein Auszug. Erwin Kriesche, der sich kurz nach seinem 16. Geburtstag zur Luftwaffe gemeldet hatte, befindet sich Anfang Mai 1945 als knapp 17-Jähriger in Schwerin: „Mein sonst auf Streichholzlänge gekürztes Haar war seit Januar mächtig gewachsen, so dass ich die Zeit nützen wollte, um meine Haare kürzen zu lassen. Unsere Schwester empfahl mir einen Friseur gegenüber dem Bahnhof. Gegen 9 Uhr marschierte ich los und sah auf dem Bahnhofs-Vorplatz um eine Laterne eine Menschenansammlung und erkannte eine Frau, mit einem braunen Wintermantel bekleidet, die man erhängt hatte. Man hatte ihr einen Schuhkarton-Deckel umgehängt, auf dem mit blauer Schrift stand: ,So spricht eine deutsche Frau, Gott sei Dank, dass der Führer tot ist.’ Die Menschen standen schweigend und betroffen da, von den Tätern fehlte jede Spur. Der Friseur erzählte mir hinterher, dass drei SS-Männer schon kurz nach 8 Uhr bei ihm waren und eine Wäscheleine haben wollten oder auch einen Strick. Da er beides nicht besaß, nahmen sie einen Stuhl mit. Der Friseur erzählte mir den Hergang, dass eine Frau zu der Betroffenen gesagt hätte: ,Hast du schon gehört, Adolf Hitler ist tot.’ Darauf antwortete die Frau: ,Gott sei Dank, dass der tot ist.’ Das genügte für die drei SS-Männer, um die Frau standrechtlich zum Tode zu verurteilen, und keiner wagte es, diese Verbrecher daran zu hindern.“

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