Dampfschifffahrt in ein neues Leben
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„Leinen los“ hieß es am 20. April 1928 im Hamburger Hafen für die „Monte Olivia“. An Bord des Schiffs befand sich unter anderem der 20-jährige Langenberger Konrad Diedam.
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Die Erlebnisse der mehrwöchigen Abenteuerfahrt mit der „Monte Olivia“ schrieb der gebürtige Langenberger in einem Reisetagebuch nieder. Günter van den Bongard hat „Meine große Reise“ des 1985 Verstorbenen jetzt überarbeitet.

Eine Reise mit einem modernen Luxusliner über die Weiten des Ozeans ist selbst heute noch, in einer hoch technisierten Zeit, für Zartbesaitete ein Wagnis. Konrad Diedam hat dieses Abenteuer 1928 im Alter von 20 Jahren in Angriff genommen. Sein geografisches Ziel war Brasilien, das seines Lebens die Ausbildung zum Priester. Angst oder große Sorge, dass bei der Reise irgendetwas schief gehen könnte, hatte der gebürtige Langenberger offensichtlich nicht, wie seinen Aufzeichnungen zu entnehmen ist. „Wenn man sich das Tagebuch so durchliest, zeichnet sich ein Bild von einem jungen Mann, der besonnen, zurückhaltend und bodenständig gehandelt hat“, sagt Günter van den Bongard vom Heimatverein, der die Einträge übersetzt hat. Parallel dazu hat Vereinskollege Konrad Leweling Ahnenforschung betrieben.

Der junge Theologiestudent Diedam hatte sich seinerzeit einer Gruppe Franziskanerpater angeschlossen, die sich für eine Missionsarbeit in Brasilien entschieden hatten. In Hamburg war die Gruppe an Bord der „Monte Olivia“ gegangen. Über die seichten Wogen der Nordsee, durch den Ärmelkanal bis hin zur Biskaya verlief die Reise noch so, als sei es eine Urlaubsfahrt auf einem Vergnügungsdampfer. Nach zwei Zwischenstopps – Anker geworfen wurde in den Häfen von La Coruna und Las Palmas – sollte die Reise aber zu einem wahren Erlebnis werden.

Diedam berichtet in seinen Tagebucheinträgen von Begegnungen mit spanischen Tagelöhnern, die ebenfalls auf dem Weg in ein neues Leben in Südamerika waren – und von anderen Zusammentreffen, die ihn dazu bewegten, folgende Zeilen niederzuschreiben: „Unter den Passagieren befindet sich auch ein Schwarzer, der sich in der Welt sein Brot durch Klarinettespielen verdiente. Hier auf dem Schiff kann er wohl wenig erhalten. Um nun aber nicht ganz bankrottzugehen – denn wie es scheint, ist sein Geldbeutel bedenklich mager geworden – will er nun, um wieder an Moneten zu kommen, sein Instrument verlosen. Auch wir kaufen drei Lose, um dem armen Kerl ein wenig aus der Patsche zu helfen.“

Die westfälische Heimat Tausende Kilometer hinter sich gelassen, wurde der Theologiestudent Zeuge einer Zeremonie, wie er sie zuvor noch nicht erlebt hatte: die Äquatortaufe. „Im ersten Akt beschmiert jemand dem Täufling das Gesicht; hierauf nimmt ihn der Gehilfe des Barbiers in Empfang, seift ihn mit einer Quaste ein, die er zuvor in eine Schmierseifenlauge getaucht. War das ein Pusten und Schnauben, wenn dem armen Täufling der schäumende Quast durch das Gesicht fährt“, heißt es im Tagebuch. Auf der Südhalbkugel angekommen, nutzte der junge Langenberger die Zeit an Bord, um sich auf den neuen Lebensabschnitt in Brasilien vorzubereiten. Die Worte, die er bis dorthin in der Landessprache Portugiesisch von sich geben konnte, hatte es ihm aber beim ersten Anblick des Zuckerhuts von Rio de Janeiro verschlagen. Von der Größe und Schönheit der Stadt überwältigt, widmete Diedam seiner Ankunft gleich mehrere Kapitel seiner Schriftensammlung. Die abenteuerliche Reise hatte mit dem ersten Fußtreten auf dem tropischen Kontinent allerdings noch immer kein Ende.

Nach der ereignisreichen Überfahrt ging es an Land mit der Eisenbahn weiter. „Bis nach Rio Negro geht es fast ständig bergan, so dass die Lokomotive ordentlich pustet und stöhnt“, notierte Diedam. Erst nach einem weiteren einstündigen und schweißtreibenden Fußmarsch lag das Ziel schließlich vor Augen. „Aus der Ferne grüßt uns bereits von dichtbewaldeter Bergeshöhe das Kolleg mit seinen weiß getünchten Mauern und seinen drei stolzen Türmchen wie ein prächtiges Sommerschloss. Unser Herz schlägt höher bei dem Gedanken: ‚Nur noch wenige Minuten liegen vor uns, und wir sind da oben‘.“ „An Konrad Diedam ist ein Literat verloren gegangen“, meint Heimatforscher Günter van den Bongard. Die Gründe dessen Auswanderung seien ihm als geschichtlichen Aufbereiter der Reiseaufzeichnungen aber unbekannt geblieben: „Das hat Diedam ganz ausgeblendet.“

Dass in der Wahlheimat unter Palmen nicht alles so verlief, wie es sich Diedam vorgestellt hatte, weiß Bongard von der Familie des bereits Verstorbenen. Weil er sich in eine Brasilianerin verliebt hatte, war der Traum vom Priesterdasein dahin. Er heiratete, wurde Vater von vier Kindern und unterrichtete an einer Universität in einer Professur Deutsch. 1971 kam Diedam ein einziges Mal zurück nach Langenberg, um seine Familie wiederzusehen, mit der er stets Briefkontakt gehalten hatte. 1985 starb Konrad Diedam in Curitiba.

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