Großwerden ist kein Zuckerschlecken
Bild: Nienaber
Spielend die Welt entdecken sollen die Kinder, die sich mit ihren Eltern bei Ellen Brüggenjürgen treffen. Das Bild zeigt die acht Monate alte Elin während eines solchen Abenteuers. Mutter Katharina Laumeier beobachtet das Geschehen derweil aus sicherer Distanz.
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 Während Maria und Josef in der Heiligen Nacht und in den Monaten darauf jedoch nahezu auf sich allein gestellt waren, können Eltern heutzutage zum Glück auf Hilfestellung von außen setzen. Nicht um einen falschen Eindruck zu vermitteln: Eltern werden ist auch mehr als 2000 Jahre nach Christi Geburt kein Zuckerschlecken. Großwerden noch viel weniger. „Es gibt keine Patentlösung, wie Erziehung und das Heranwachsen der Kleinen gelingt“, weiß Ellen Brüggenjürgen.

Die Langenbergerin muss es wissen. Sie ist zweifache Mutter, Sozialpädagogin und hat lange Zeit beim Jugendamt der Kreises Gütersloh gearbeitet. Heute führt sie „aus Leidenschaft“, wie sie sagt, eine Praxis für Elternbegleitung. Eine Begegnungsstätte, in der gleichaltrige Kinder aufeinandertreffen sowie Mütter und Väter ihre Sorgen, Ängste und Freuden am Nachwuchs teilen können. „Jedes Kind ist neu und anders, jedes Kind bringt sein eigenes Wesen mit, das es kennenzulernen und zu begleiten gilt“, sagt die 45-Jährige. An diesem Tag ist unter anderem die acht Monate alte Elin dabei, die Welt für sich zu entdecken. Sie krabbelt durch das frühere Wohnzimmer von Ellen Brüggenjürgens mittlerweile verstorbener Großmutter, das mit Gummimatten ausgelegt ist und als behagliches Zentrum der Frühbildungseinrichtung gilt.

Wohl umsorgt durch das erste Lebensjahr

Dass die alten Holzdielen unter dem Mattenteppich versteckt liegen, hat zweierlei Gründe. Zum einen kann die Schwerkraft den Babys im Krabbel- und frühen Laufalter manchmal übel mitspielen. Zum anderen ist Pekip ein fester Bestandteil der Gruppentreffen, die Ellen Brüggenjürgen organisiert. Beim Prager-Eltern-Kind-Programm sind die Minis in der Regel nackt, und da kann schon mal das eine oder andere Tröpfchen daneben gehen. Auch wenn sie in ihrer Zeit bei der Kreisbehörde in erster Linie mit Jugendlichen zu tun hatte, ist sie sich der Schwierigkeit, Kinder wohl umsorgt durch das erste Lebensjahr zu führen, bewusst. Nach der Geburt ihres Sohns vor 17 Jahren hat sie zu spüren bekommen, dass mit der Geburt das Abenteuer Familie erst richtig beginnt. Sie selbst habe sich damals manchmal gewünscht, jemanden an der Seite zu haben, der einen mit Fachwissen unterstützt. Dieser Gedanke sei für sie eine Initialzündung gewesen, selbst tätig zu werden.

„Die schönen Momente überwiegen aber deutlich“

 „Die ersten Monate sind eine spannende und auch schöne Zeit, aber nicht selten auch eine anstrengende, schlaflose und erschöpfende“, erinnert sich Ellen Brüggenjürgen. Diese Erfahrung habe sie selbst als junge Mutter gemacht, und auch die mittlerweile mehr als 1000 Elternteile, die in den vergangenen Jahren Rat und Unterstützung bei der Langenbergerin gesucht und gefunden haben, wüssten dies. So wundert es nicht, dass in der Begegnungsstätte nicht nur viel gemeinsam gelacht und diskutiert, sondern manchmal auch geweint und geflucht wird. „Die schönen Momente überwiegen aber deutlich“, unterstreicht die Langenbergerin. Schließlich gehe es darum, das größte Glück auf Erden mit anderen zu teilen. Und dass sie diesen schönen Begegnungen beiwohnen dürfe, erfülle sie mit Dankbarkeit, sagt Ellen Brüggenjürgen.

Ihre Aufgabe sieht sie vor allem darin, Multiplikatoren für Tipps und Ratschläge zu finden. Denn insbesondere in Zeiten, in denen der Druck auf womöglich unsichere Mütter und Väter, das eigene Kind über und über zu fördern, stetig steige, sei Kommunikation mit Gleichgesinnten das A und O, meint Ellen Brüggenjürgen. „Wenn nicht in Gesprächen mit anderen Müttern und Vätern sollte man erfahren, welche Erfahrungen es sich lohnt, zu machen, und auf welche man in der Regel auch gut verzichten kann.“ Mehr als 90 Prozent aller Paare weltweit müssten die Aufgabe Elternwerden ohnehin für sich allein lösen. „Aber es kann vielleicht etwas leichter werden, wenn man sich mit anderen austauscht. Der Mensch ist schließlich ein Sozialwesen“, sagt die Sozialpädagogin.

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