„Ich glaube, der Krieg ist bald vorbei“
Der Umschlag des letzten Briefs, den Johannes Großekathöfer per Feldpost in seine geliebte Heimat Langenberg geschickt hat. Der Poststempel trägt das Datum 29. Juli 1942.

Ihr Neffe Heinz Großekathöfer hat Konrad Leweling den gesamten Nachlass seiner beiden Onkel für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Gerade 18 Jahre alt, wurde Johannes Großekathöfer am 20. Mai 1940 vom Wehrmeldeamt Wiedenbrück erfasst und erhielt seinen Wehrpass mit Erkennungsmarke. In ihm sind akribisch die Daten seines Werdegangs als Soldat festgehalten.

Seinen Wehrdienst musste er am 9. Februar 1941 in Göding in Mähren antreten. Anhand von 13 Feldpostbriefen an seine Mutter und Schwestern und einen an seinen Bruder Albert, der als Soldat in Ostpreußen unterwegs war, ist sein allzu kurzes Leben aufgearbeitet worden. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit zwischen 3. April und 26. Juli 1942, als er als Soldat des zweiten Infanterie-Regiments 547 im Russlandfeldzug zu Tode kam.

Hoffnung und Gottvertrauen

Die Briefe des nicht einmal 20 Jahre jungen Manns an seine Lieben in Langenberg sind geprägt von Hoffnung und unerschütterlichem Gottvertrauen. Er versucht seiner Mutter die Angst zu nehmen, indem er den Ernst der Lage herunterspielt: „Mir geht es bis jetzt hier noch sehr gut“, ist in einem der Brief zu lesen. An anderer Stelle heißt es: „Bis jetzt haben wir nicht schlecht gelebt, haben wir doch so allerhand gefunden, was die Russen im Schnee vergraben hatten, als sie hörten, dass wir kommen.“

In späteren Monaten wird Johannes deutlicher: „Es sind mir auch schon etwas die Zehen angefroren, ein großer Teil von uns ist deswegen ins Lazarett gekommen, aber so schlimm war es bei mir noch nicht.“

Muttertagsblumen aus russischem Wald

Die Liebe zu seiner Mutter wird im Brief vom 7. Mai deutlich: „Die herzlichsten Grüße aus dem fernen Osten sendet Euch in alter Frische Euer Hans. Euer Kärtchen habe ich in bester Gesundheit erhalten. Ich glaube, dass der Krieg bald aus ist, die Aussagen, die hier Überläufer gemacht haben, sind sehr günstig.“ Mit Blick auf den bevorstehenden Muttertag schreibt er: „Liebe Mutter, jetzt muss ich erst mal in den Wald gehen und einige Blümchen, die ersten Frühlingsboten aus dem russischen Urwald, holen. Wollen hoffen, dass ich das nächste Jahr die Blumen persönlich überreichen kann.“ Die getrockneten Blütenblätter aus Russland sind heute noch erhalten.

Albert Großekathöfer
Der letzte Brief von Johannes stammt vom 25. Juli, dem Tag vor seinem Tod: „Habe Euer Päckchen in bester Gesundheit erhalten. Seit dem 18. Juli stehen wir im Angriff und sind weiter planmäßig auf dem Vormarsch. Trotzdem kostet es so manchen Kameraden das Leben, das ist nun mal nicht zu vermeiden. Betet für mich, dass mich der liebe Gott weiterhin so gut beschützen möge wie bisher.“

Erst viel später erhielt die Familie Großekathöfer die Nachricht vom Soldatentod von Johannes. Dieser war am 9. August 1942 per Feldpost vom Leutnant und Kompanieführer Benger und dann per beglaubigter Abschrift am 29. August mit einem Beileidsschreiben des Wiedenbrücker Kreisleiters Horn der Mutter zugestellt worden.

Läuse im Rittergut

Der ältere Albert Großekathöfer ist etwa gleichzeitig mit seinem Bruder Johannes als Soldat eingezogen worden. Von ihm liegen sechs Feldpostbriefe vor. Er leistete Dienst bei einer Artillerie-Einheit in einer Batterie mit vier bis acht von Pferden gezogenen Geschützen und zwar im Nordabschnitt der Ostfront. In einem Brief vom 5. November 1944 berichtet er – bereits auf dem Rückzug – von „ruhigen Tagen auf einem Bauernhof in Ostpreußen und einer warmen Stube“. Er endet mit den Worten: „Ich schließe in der Hoffnung, dass uns der liebe Gott bald den Frieden gibt und dass wir uns einmal in der Heimat wiedersehen.“ Am 5. Dezember 1944 schreibt er vom „Rittergut in Großlenkenau“ und berichtet, dass er jetzt von Läusen frei ist: „Vor drei Wochen habe ich manchmal 60 bis 70 Stück geknackt.“

Letztes Lebenszeichen am Silvesterabend

Das Rittergut liegt im Dorf Groß Lenkeningken, wenige Kilometer östlich von Tilsit im Memeltal. Die Bevölkerung hatte den Ort bereits am 15. Oktober 1944 vor den herannahenden Russen geräumt, nur die Einheit von Albert hielt noch die Stellung. Seine beiden letzten Briefe hat er am zweiten Weihnachtstag und am Silvesterabend 1944 geschrieben: „Ich wünsche Euch von ganzem Herzen viel Glück und Segen im neuen Jahr. Ein schweres Jahr wird uns sicher wieder bevorstehen, aber wir wollen den Mut nicht verlieren.“ Die Rote Armee begann ihre Winteroffensive am 12. Januar 1945. Sie nahm Groß Lenkeningken kampflos ein, überrannte das gesamte Gebiet und eroberte Tilsit. Albert Großekathöfer gilt ab dem 1. Januar 1945 als vermisst. Sein Schicksal ist bis heute ungeklärt.

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