Unterwegs auf den Wegen durch das Land
Bild: Pieper
Der französische Romancier Pierre Michon las auf Gut Geissel aus seinem Roman "Leben der kleinen Toten".
Bild: Pieper

 Vor diesem Hintergrund lud das Langenberger Gut Geissel am Wochenende zu einer Landpartie der heiter-hintergründigen Art ein. Auf dem stattlichen Schultenhof mit seiner 300-jährigen westfälischen Bauerngeschichte im französisch anmutenden Ambiente machte zum dritten Mal das Literatur- und Musikfestival „Wege durch das Land“ Station. Und wie immer hatte Dr. Brigitte Labs-Ehlert (Bild) als Künstlerische Leiterin des illustren OWL-Veranstaltungsreigens mit sicherem Instinkt für Haus und Historie ein Programm zusammengestellt, das aufhorchen ließ.

 Gut gelaunt, die Brille auf der Stirn, die Augen freundlich-wachsam umherwandernd und die Zigarette wippend im Mundwinkel, flanierte Pierre Michon über die grüne Wiese, ehe er es sich im Rampenlicht bequem machte. Als Biograf der kleinen Leute  hat er in Frankreich mit seinen Büchern den Grundstein zu einer neuen „Literatur der Provinz“ gelegt. Seine Erzählungen „Vies minuscules – Leben der kleinen Toten“ brachten ihm 2009 den „Grand Prix du Roman“ der Academie Francaise ein.

Mit ungeheurem Respekt vor dem (Über-)Lebenswillen und den Hoffnungen jener, deren Alltag zu jeder Stunde unspektakulär ist, macht sich Michon allein durch wortgewaltige Beschreibungen zu deren Sprachrohr. Ohne falsche Sentimentalität und Sozialpatina gibt er den Unscheinbaren und Vergessenen ihre Würde zurück. „Ich möchte meine kleinen Toten mit Hilfe der großen stilistischen Orgel zu Heiligen machen und dem noch mit Ironie begegnen“, gestand der Franzose. Und während er mit fließend schöner Akzentuierung die französische Version vortrug, bot die Autorin Anne Weber als seine Übersetzerin mit ihrer Passion fürs Poetische ein Kapitel in deutscher Fassung an.

 So melancholisch der Auftakt, so vergnüglich der zweite Teil: Schauspieler Felix von Manteuffel nahm das amüsiert lauschende Publikum mit auf einen Gutshof in der französischen Provinz, wohin Frankreichs Schriftsteller Gustave Flaubert die reichen Erben „Bouvard und Péchuchet“ versetzt. Bar jeglichen Naturverständnisses versuchen sich die Großstädter unter anderem als Landwirte – und scheitern kläglich. Grandios, wie Manteuffel mit kühler Mimik und sparsamer Geste die überbordende Arroganz und Dummheit der Protagonisten zum burlesk-bösen Spiegelbild für den uneinsichtigen Menschen schlechthin erhebt. Eine Satire aus dem Tollhaus des Fin-de-siecle – aktueller denn je.

Den kompletten Bericht und mit welch musikalischer Bravour das Trio „Ernest Chausson“ die „Wege durch das Land“ auf Gut Geissel beschritt, lesen Sie in der Montagsausgabe der Wiedenbrücker „Glocke“.

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