Wahrheiten bleiben im Hals stecken
Bild: Wieneke
Für Alexandra Kampmeier (l.) gibt es keinen schöneren Beruf als den der Erzählerin. Das Bild zeigt sie mit Petra Petrelli, Leiterin der Gemeindebücherei Langenberg.
Bild: Wieneke

Mit ihrem neuen Solo-Programm „Genug ist nie genug – aber ab morgen wird alles anders“ packt sie mit ihrer eigenen Geschichte im Hintergrund die schwere Thematik der Essstörung leicht erzählt und zugleich die Zuhörer „berührend“ an. Frei erzählt zieht sie ihr Gegenüber durch Stimme, Mimik und Gestik in den Sog. Dabei verknüpft Alexandra Kampmeier geschickt traditionelle Märchen und überlieferte Geschichten mit ihren eigenen Erfahrungen: Es sind Geschichten vom Wünschen, Wollen und Nicht-aufhören-können.

Scheinbar schwerelos balanciert die Künstlerin mit ihren erwachsenen Zuhörern über die Abgründe der Abhängigkeit, führt sie an Grenzen und taucht ein in die Illusion vom „Wenn“ und „Dann“. Gemeinsam schlagen sie sich die Bäuche voll, retten bildschöne Prinzen und wissen nicht, vor wem sie sich mehr fürchten: der italienischen Schwiegermutter oder dem bengalischen Tiger. Süße Scheinwelten zergehen auf der Zunge und überzählige Pfunde kleben an den Hüften, während Wahrheiten im Halse stecken bleiben. Im Gewühle der Gefühle versucht die Unersättlichkeit trotz allem eine gute Figur abzugeben.

Alexandra Kampmeier versteht es dabei, Geheimnisse zu lüften und gleichzeitig geschickt wieder zu verschleiern. „Zwischen Wenn und Dann verstreicht die Zeit, ohne dass stattfindet, was stattfinden könnte“, ist der erste markante Satz der Erzählkünstlerin im schlichten Langenberger Ratssaal. Es folgt eine süße Traumwelt: Alles ist aus Schokolade und Marzipan, Würstchen, Butter und Brötchen. Milch fließt im Bach, gebratene Gänse fliegen direkt in den Mund, es regnet Bonbons, Geld und feinste Kleidung fallen von den Bäumen. Und dann reißt eine Frage die Zuhörer schonungslos aus ihrem Traum: „Finden Sie mich zu dick?“

Atemlose Stille im Raum und zugleich erholsames Aufatmen, wenn Alexandra Kampmeier immer wieder mit tiefgründigen Geschichten „abschweifend“ in die Ferne blickt und fremde Personen wichtige Lebensbotschaften vermitteln. Ihr Resümee: „Eine Sucht kann man nicht einfach zum Fenster hinauswerfen.“ Aber Fragen bleiben: Wenn ich erst einmal dünn bin, wird mein Leben automatisch glücklich?

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