Wiedersehen mit einer Ausreißerin
Bild: Daub
Mit einem „Kuhschmatzer“ empfing die „wilde Lady“ aus Langenberg, die Kuh Elsa, ihr Frauchen Irmgard Gubitz, die mit (v. l.) Sozialtherapeutin Tina Pahl, „Sentana“-Inhaber Ralph Anstoetz und der neuen Leiterin Mira Köhn das komfortable Domizil der Rotbraunen in Bethel aufsuchte. Mit dabei war auch „Sol Luna“-Mitarbeiterin Sarah Nauber.  
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Irmgard Gubitz, die Elsa vor dem Tod durch Schlachtung bewahrt hatte, wird beim Wiedersehen von ihrem Schützling stürmisch begrüßt – mit einem „Kuhschmatzer“. Gubitz, die am Rand von Langenberg den Gnadenschutzhof „Sol Luna“ führt, hatte sich mit ihrer Mitarbeiterin Sarah Nauber auf den Weg nach Bielefeld-Bethel gemacht. „Mit gemischten Gefühlen“, wie sie gesteht. Denn der Abschied von ihrer „wilden Lady“ sei schwer gefallen.

Als die Besucherinnen im Beisein von Ralph Anstoetz und der Junglandwirtin Mira Köhler (28) die Tür des neuen Domizils öffnen und an das Schutzgatter herantreten, stürmt Elsa mit dem Kopf derart temperamentvoll gegen die Latten, dass Sarah Nauber das Gleichgewicht verliert und auf einem Strohballen landet. Doch als sich Irmgard Gubitz zu ihr hinwendet und den Kopf der eigenwilligen Rotbraunen zu kraulen beginnt, verdreht Elsa wie verklärt die Augen – und fährt plötzlich liebevoll mehrmals ihre lange Zunge aus.

Die Kuh hat mit Hilfe der „Sol Luna“-Aktiven ein Lebensdrama glücklich bewältigt („Die Glocke“ berichtete). Sie war von einem Landwirt an einen Langenberger Schlachthof verkauft worden. Nachdem sie jahrelang einsam im Stall ausgehalten hatte, sollte sie zuletzt als Fleischlieferantin Geld einbringen. Doch Elsa sah bei der Ankunft auf dem Schlachthof erstmals den blauen Himmel – und da riss die Kuh aus. Etwa zwölf Wochen lang trieb sie sich in einem Waldgebiet rund um Langenberg herum, und sie machte keine Anstalten, sich fangen zu lassen. Erst als Irmgard Gubitz den Fall übernahm und mit der Unterstützung eines Jagdpächters und des Rietberger Tierarztes Wolfgang Brüseke eine Futterstelle für den Wildfang einrichtete, kam Bewegung in den Fall. Als Elsa auf dem „Sol Luna“-Gelände untergebracht wurde, reagierte sie aggressiv und misstrauisch. Irmgard Gubitz und Sarah Nauber setzten eine ungewöhnliche Therapiemaßnahme in die Praxis um: Im Wechsel sprachen sie jeden Tag mit der Rotbraunen und lasen ihr Märchen vor. Das Tier belohnte ihre Beschützerinnen mit Zutrauen.

Kimberley weicht Elsa nicht von der Seite

 Das Leben in Freiheit auf dem Gnadenhof im Grenzgebiet zwischen Langenberg und Mastholte sollte aber nur von kurzer Dauer sein. Da „Sol Luna“ keine weiteren Kühe in Pflege hat, beschloss das Team eine Überführung nach Bethel. Im neuen „Sentana“ wurde ein komfortabler Kuhstall, 45 Quadratmeter groß, verfügbar. Dort bekam Elsa nach einem glücklichen Sommer in Mastholte per Zufall eine Freundin: Kimberley. Dabei handelt es sich um eine kleinwüchsige Kuh, die ein Bauer aus dem Sauerland, der von Elsas Schicksal erfahren hatte, abgab. Die zwei Rindviecher fanden sofort zusammen. Elsa übernimmt seitdem eine Art Mutterrolle für Kimberley. Dies können „Sentana“-Besucher gut, wenn auch aus der Distanz, beobachten: Die tierische Ausreißerin stellt sich stets schützend vor ihre Freundin und knurrt, ganz kuhfremd wie ein Bär, wenn Unbekannte näher kommen. Die Hausgemeinschaft teilen sich die Kühe mit einem Eber. Er ist der souveräne Dritte im Freundschaftsbund, der lebenslang halten soll.

Das „Dorf Sentana“ hat der Bielefelder Unternehmer Ralph Anstoetz geschaffen. 2,5 Millionen Euro hat die von ihm und seiner Frau Marita Durchholz gegründete Stiftung investiert. Die großzügige Anlage wirkt wie eine Mischung aus Ranch und Open-Air-Zoo. Die zehn farbigen Holzhäuser zeugen von einem skandinavischen Baustil. Das Hauptgebäude liegt auf einer höheren Plattform. Der Name der Stiftung leitet sich von „Senta“ ab. So hieß die 2014 verstorbene Golden-Retriever-Hündin des Bielefelder Unternehmers. Gehegt werden Hunde, Schafe, Ziegen, Ponys, Esel, Kaninchen und Kühe. 25 Bewohner leben derzeit auf dem 26580 Quadratmetern großen und von den Bodelschwinghschen Anstalten Bethel gepachteten Gelände. „Sentana“ soll zudem ein Ort der Begegnung sein. Im Bürotrakt hat ein Verein, der sich traumatisierten Kindern widmet, seine Pforten geöffnet. Eine Landwirtin, die 28-jährige Mira Köhn, leitet „Sentana“, unterstützt von einer sozial-therapeutisch ausgebildeten Fachkraft und einem Hausmeister. Rund 50 ehrenamtliche Mitarbeiter, betonte Anstoetz, haben sich für die Betreuung der Anlage zur Verfügung gestellt.

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