Abschiebung: Rodis Mitschüler in Sorge
Bild: Werneke
Eine ungewisse und schwere Zeit stehen derzeit Jassir A. und sein Sohn Rodi, Schüler der ORS in Rheda, durch.
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Vor zwei Wochen sollten er, seine vier Geschwister sowie seine Eltern Jassir A. und Mosna F., die bis dahin in der Flüchtlingsunterkunft an der Lippstädter Straße gelebt hatten, im Flugzeug nach Bulgarien abgeschoben werden. Seine Mutter wehrte sich vehement. Sie befindet sich nun in Frankfurt in Abschiebehaft – getrennt von ihren Liebsten, die nach der Aktion zurück nach Rheda-Wiedenbrück gebracht worden waren („Die Glocke“ berichtete).

„Wir sind traurig“

Die Betroffenheit, die seither in der Schule herrscht, wird deutlich beim Pressetermin in der Klasse, die Rodi besucht hat. Sein Stuhl ist an diesem Morgen leer. „Wir sind traurig“, spricht ein Mädchen aus, was alle in dem Raum fühlen – auch Schulleiter Olaf Diekwisch und Bernd Jostkleigrewe, ehemaliger Bürgermeister. Rodi habe nach rund 15 Monaten in der Doppelstadt schon „toll Deutsch gesprochen“, sagt Diekwisch und zeigt sich zuversichtlich, dass der Junge seinen Weg an der ORS weiter meistern würde. In einer Lehrerkonferenz solle überlegt werden, wie man der Familie helfen könne.

Hintergrund

An der Osterrath-Realschule (ORS) haben 18 Jungen und Mädchen aus sieben Nationen, die eine der beiden Internationalen Klassen (IK) besuchen, im Februar an dem Projekt „We Speak Music“ des Vereins Lifenotes teilgenommen. Zu ihnen gehört auch der zwölfjährige Rodi, dessen Mutter sich zurzeit in Frankfurt in Abschiebehaft befindet. Musiklehrerin Jutta Maas war auf dieses Angebot, das der Integration dienen soll, aufmerksam geworden. An einem Tag entstand an der ORS auf diese Weise mit den Flüchtlingskindern ein Lied, in das die Schüler ihre Erlebnisse, Ängste, Hoffnungen und Emotionen eingebracht haben. Es wurde eingespielt, auf CD verewigt und trägt den Titel „Wir sind bereit“. Inzwischen ist aus diesem Projekt ein internationaler Chor hervorgegangen, an dem nicht nur IK-Schüler teilnehmen, sondern auch Jungen und Mädchen aus den Klassen fünf und sechs. Beim Kulturfest in Rheda am Samstag, 20. Mai, soll er auftreten.

Seiner Meinung nach sei Rodi „eigentlich voll integriert“ gewesen. Er hätte „hier in der Stadt dauerhaft ein gutes Leben leben können“, sagt Jostkleigrewe. Er spricht als Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung Rheda-Wiedenbrück, die das CD-Projekt finanziell unterstützt hat, aber insbesondere auch als Privatperson. Trotz der rechtlichen Lage und des Dubliner Abkommens sollte man sehr darüber nachdenken, ob man deswegen eine siebenköpfige Familie wegschicke, sagt er. Natürlich seien Recht und Gesetz wichtig, doch man solle „mit Augenmaß genau hinschauen“. Dafür, dass sich die Mutter, obwohl sie mit der Familie zusammen war, im Flugzeug so gebärdet habe und nicht nach Bulgarien wollte, müsse es Gründe geben, macht er seine Meinung deutlich.

Familie hat Wurzeln geschlagen

Der Junge dürfe nicht noch einmal seine Heimat verlieren, unterstreicht Lehrerin Jutta Maas, er habe Wurzeln geschlagen. Als „juristisch richtig, aber menschlich falsch“ wertet sie die Situation. Die Flüchtlinge leiden mit ihrem Klassenkameraden mit. „Das ist eine schwere Sache für ein Kind“, sagte ein Junge. Durch das, was Rodi widerfahren ist, scheint auch ihre Angst gewachsen, womöglich nicht bleiben zu dürfen.

„Ich wäre lieber tot“

Seine Mitschüler vermissen Rodi, und er sie offenbar auch. Überraschend statteten er und sein Vater der Schule einen Besuch ab. Der Kummer und die Müdigkeit standen dem 41-Jährigen ins Gesicht geschrieben. Rodi konnte für ihn übersetzen. So ließen die Zwei die für sie so furchtbare Nacht Revue passieren, in der die seit zwölf Jahren miteinander verheirateten Eheleute mit Handschellen abgeführt worden und schließlich die Mutter von der Familie getrennt worden sei. Telefonisch könnten sie Kontakt halten. „Sie isst nicht, sie trinkt nicht“, berichtete der Sohn, der selbst Schlafstörungen hat, über zwei vorangegangene Tage. Drastisch brachte der Vater seine Verzweiflung mit den Worten zum Ausdruck: „Ich wäre lieber tot, als in dieser Situation.“

Ebenfalls negative Erinnerungen haben die beiden an Bulgarien, das Land, in dem sie auf ihrer Flucht über die Balkanroute mehrere Monate – zeitweilig auch in einem Gefängnis – festgesessen hätten. Mit Schleppern sei der Familie, deren Jüngste die dreijährigen Zwillinge sind, im November 2015 die Flucht nach Deutschland gelungen – dorthin, wo die kurdische Familie leben wolle.

Landrat Adenauer soll helfen

Eltern und Kinder seien in der Not immer zusammen gewesen. „Dieses Zusammenhalten ist alles, was sie haben, sie haben nur noch sich“, betonte Heike Zurmühlen, ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuerin der Evangelischen Versöhnungskirchengemeinde, die die Trennung von der Mutter als „perfide“ bezeichnete. In dem Abschiebefall dieser Familie könnte ihrer Meinung nach Landrat Sven-Georg Adenauer etwas bewegen. Er sei in der Lage, den zuständigen Mitarbeitern in der Kreisverwaltung entsprechende Anweisungen zu erteilen.

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