Den Blick auf die Welt verändern
Bild: Sudbrock
Das Fundament für den Beton-Pavillon steht bereits. Nach und nach werden jetzt von den Handwerkern die Wände in die Höhe gezogen. Den Baufortschritt begutachten (stehend, v.l.) Susanne Westermann, Architekt Frank Hurlbrink und Künstler Christian Odzuck.
Bild: Sudbrock

Das Kunstwerk des Brachum-Preisträgers existiert bislang nur auf dem Papier. Am neuen Schnellradweg im Flora-Park, der von der Oldenzaalbrücke im Bereich des Wiedenbrücker Friedhofs bis zum ehemaligen Klärwerksgelände führt, wo am heutigen Freitag ab 17 Uhr die neue Skateranlage offiziell eröffnet wird, nehmen Odzucks Pläne zunehmend Gestalt an. Wobei: Viel zu sehen gibt es für Radfahrer und Spaziergänger bislang nicht. Die Baustelle, die schon von Weitem an dem meterhohen Kran zu erkennen ist, wird mit weißen Stoffvorhängen vor neugierigen Blicken geschützt.

Spannung bis zur Enthüllung

„Wir wollen die Spannung möglichst bis zur Einweihung des Kunstwerks im Herbst aufrechterhalten“, sagt Susanne Westermann von der Flora-Westfalica-GmbH. Die Projektleiterin des Brachum-Kunstpreises verrät aber immerhin, dass es sich bei dem Bauwerk, das zurzeit am Rand des Westfalia-Werksgeländes entsteht, um einen Pavillon handelt, der durch seine ungewöhnliche Architektur bestechen soll – und gerade deshalb zurzeit den Maurern und Betonbauern das Leben schwer macht.

„Freuen uns über jeden rechten Winkel“

„Wir freuen uns über jeden rechten Winkel, den wir in den Plänen von Christian Odzuck entdecken“, sagt Alexander Pohl vom Linteler Bauunternehmen Mestekemper. Die seien jedoch ebenso Mangelware wie gerade Linien. „Wegen der Komplexität der Architektur stellt das Projekt selbst für mich als Meister eine Herausforderung dar“, stimmt ihm Jan Mertensotto, Ausbilder im Handwerkbildungszentrum Brackwede, zu. Allein das Biegen der Stahldrähte, die dem Beton später Halt geben sollen, sei eine Wissenschaft für sich.

Hilfsbereite Sponsoren

Der Brachum-Preisträger Odzuck wird den Entstehungsprozess nach eigenem Bekunden regelmäßig begleiten. Für die Bauplanung zeichnet Architekt Frank Hurlbrink verantwortlich. Er war es auch, der gemeinsam mit Susanne Westermann auf Sponsorensuche gegangen ist, um den Pavillonbau zu finanzieren. Denn die 12.500 Euro Preisgeld, die zweckgebunden für die Realisierung des Vorhabens zur Verfügung standen, reichten bei Weitem nicht aus. Flora-Geschäftsführer Ralf Hammacher: „Wir sprechen inzwischen von einem mittleren fünfstelligen Betrag.“

Auch Brachum-Preisträger Christian Odzuck hüllt sich in Schweigen, wenn es um Details zu seinem Pavillon geht. Das begehbare Kunstwerk bestehe zum überwiegenden Teil aus hellem, fast weißem Beton. Spitzwinklig aufeinander zulaufende Wände, seitliche Öffnungen und der Verzicht auf eine Decke sollen ungewohnte Sichtachsen freigeben – und beim Betrachter den Blick über das Gewohnte oder Alltägliche hinaus lenken.

Sterne und Wolken schimmern durchs geöffnete Dach

Von einer Bank aus – dem wohl einzigen Einrichtungsgegenstand im Inneren des Pavillons – können die Besucher des Flora-Westfalica-Parks die sie umgebende Natur genießen oder – wenn sie nach oben schauen – tagsüber den Himmel und bei Dunkelheit die Sterne genießen.

Wahrnehmungsprozesse in Gang setzen

„Bei meinem Kunstwerk geht es um Wahrnehmungsprozesse“, erklärt Christian Odzuck. „Ich will zeigen, wie sich die Sicht auf die Welt jeden Tag aufs Neue verändern kann. Es kommt eben allein auf die Perspektive an – und die Bereitschaft, über den Tellerrand schauen zu wollen.“ Durch die genau platzierten Öffnungen im Betonmauerwerk und das fehlende Dach solle das gewohnte Verhältnis zum umgebenden Raum aufgehoben werden, sagt der 37-Jährige, der seinen Beton-Pavillon treffend als „Spiel mit der Offenheit“ bezeichnet. Dem Zufall habe er bei der Planung des Kunstwerks nichts überlassen, betont Christian Odzuck. „Jedes Detail wurde auf das Parkgelände abgestimmt.“

Erst im Mai war die endgültige Entscheidung darüber gefallen, welcher der vorliegenden Entwürfe Odzucks in die Tat umgesetzt wird. Das letzte Wort hatte der Aufsichtsrat der Flora-Westfalica-GmbH, wie Susanne Westermann erklärt.

„Durch die Stadt weht ein positiver Geist“

Odzuck freut sich, dass die Bauarbeiten so vielversprechend angelaufen sind. Gerne spricht er vom „positiven Geist, der hier durch die Stadt weht“. Der manifestiere sich nicht nur in der freundschaftlichen Atmosphäre, die auf der Pavillon-Baustelle vorherrsche, sondern auch in der Bereitschaft zahlreicher Unternehmen, das Projekt mit Sach- und Arbeitsleitungen zu unterstützen. Das sei längst nicht überall der Fall. „Kunst im öffentlichen Raum sehen viele Leute gerne, aber längst nicht jeder ist dazu bereit, einen finanziellen Beitrag zu leisten“, sagt Odzuk.

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