„Ein Bild vom Unbekannten machen“
Inmitten seiner rumänischen Deutschschüler: Der 19-jährige Steffen Hornemann aus Wiedenbrück absolviert zurzeit in freiwilliges soziales Jahr in dem osteuropäischen Land. Nach seiner Rückkehr will der ehemalige Ratsgymnasiast Kulturwirtschaft studieren.

Die Einsatzstelle des 19-jährigen Wiedenbrückers ist die deutschsprachige Schule „Adam-Müller-Guttenbrunn“ in Arad, einer Kreishauptstadt im Westen Rumäniens nahe der ungarischen Grenze. Als Freiwilliger hilft er Lehrern im Unterricht und übernimmt deutschsprachige Vertretungsstunden, die er selbstständig gestaltet. Außerdem betreut er unterschiedliche Arbeitsgemeinschaften. Dazu gehören zum Beispiel die Redaktion des „Pausenradios“, die Leitung einer Theatergruppe und die Vorbereitung rumänischer Schüler auf ein deutsches Sprachdiplom.

Gewohnte Schülerrolle verlassen

„Am Anfang war es ungewohnt, vor einer 30-köpfigen Klasse zu stehen und zu unterrichten. Obwohl ich mich nicht als Lehrer sah und jetzt auch nicht sehe, war es gar nicht so schwierig, die gewohnte Schülerrolle, die ich 13 Jahre hatte, zu verlassen.“

Steffen Hornemann absolvierte im Sommer des vergangenen Jahres sein Abitur am Ratsgymnasium Wiedenbrück. „Um nach 13 Jahren Schulzeit endlich einmal praktisch zu arbeiten“, hängte er sein geplantes Studium der Kulturwirtschaft nicht direkt an das Abitur an. Er bewarb sich erfolgreich für den Freiwilligendienst „Kulturweit“ des Auswärtigen Amts.

Vorurteile abbauen

Sein Wunsch war es, ein Jahr in einem osteuropäischen Land eingesetzt zu werden. „Hier in Deutschland weiß man ziemlich wenig über das Leben zum Beispiel in Rumänien, Bulgarien oder Ungarn. Es gibt viele Vorurteile gegenüber den Menschen in diesen Ländern. Ich wollte mir ein eigenes Bild vom Unbekannten machen“, begründete der Abiturient sein Interesse.

Die Scheu vieler Gleichaltriger habe sich auch dadurch gezeigt, dass es in Osteuropa die meisten Stellen für Freiwillige gab, sich jedoch die wenigsten Interessenten für diese Länder fanden, berichtet Steffen Hornemann. Mit dem Wiedenbrücker reisten im September sieben von 200 Freiwilligen des Trägers „Kulturweit“ nach Rumänien.

Wahl fiel auf Rumänien als Einsatzort

Auch auf Seiten der rumänischen Schüler hätte es Unverständnis darüber gegeben, weshalb der 19-Jährige aus freien Stücken aus Deutschland nach Rumänien gekommen sei, um dort ein Jahr zu verbringen.

„Viele meiner Schüler wünschen sich, später in ein deutschsprachiges Land auszuwandern“, sagt Steffen Hornemann. Da aufgrund des Deutschunterrichts an der Schule bereits Sprachkenntnisse vorhanden seien, bestünde bei vielen die Hoffnung auf bessere Löhne und Perspektiven als in ihrem Heimatland.

350 Euro Durchschnittseinkommen

Das Durchschnittseinkommen eines rumänischen Arbeitnehmers beträgt laut dem rumänischen Nationalinstitut für Statistik derzeit 350 Euro. Das eines Lehrers liegt deutlich darunter. „Viele Lehrende arbeiten in mindestens einem Nebenjob, um ihren Lebensunterhalt bezahlen zu können“, erklärt Hornemann. „Ich kann schon verstehen, dass viele junge Menschen nach der Schule oder dem Studium im Ausland ihr Glück versuchen wollen. Die Zukunft in ihrem Herkunftsland erscheint ihnen oft aussichtslos.“

Andere Sichtweise

Gerade in den Wochen, nachdem Bulgaren und Rumänen die uneingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit in Deutschland und Österreich zugestanden wurde, verfolgt der Freiwillige die Debatte um die angebliche Armutszuwanderung in seinem Heimatland aufmerksam. Durch den Kontakt zu eben denjenigen, über die in Deutschland heftig diskutiert wird, habe er die Möglichkeit, eine andere Perspektive einzunehmen als viele seiner Landsleute in der Heimat.

„Einige meiner Schüler leben bei entfernteren Verwandten, weil ihre Eltern ihren Lebensunterhalt im Ausland verdienen müssen. Da macht man sich dann schon Gedanken um die Diskussionen über diese Menschen, die in einigen Ländern läuft“, sagt Steffen Hornemann.

Chemielehrer pflückt Erdbeeren

Oft sei den Leuten in Deutschland nicht klar, dass nicht nur Angehörige der unteren Bildungsschichten zum Arbeiten in die Bundesrepublik kämen. Auch diejenigen, die in Deutschland wohl als „Besserverdiener“ gelten würden, seien oft auf eine Ergänzung zu ihrem rumänischen Lohn angewiesen. Ein Chemielehrer seiner Schule, der in seinen Sommerferien deutsche Erdbeeren pflückt, sei ein typisches Beispiel. „Damit verdient er in einem Monat fünfmal so viel wie als Lehrer in Rumänien.“

Obwohl er noch sechs Monate seines Diensts vor sich hat, ist sich der 19-jährige Wiedenbrücker schon jetzt sicher, dass er „es keineswegs bereut“, nach Rumänien gekommen zu sein. „Ich habe neue Einsichten gewonnen, neue Freunde kennengelernt und viele Erfahrungen gesammelt.“

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