Ein Chamäleon im Fachwerkkleid
Verwandlungskünstler: Das Fachwerkhaus an der Kleinen Straße 8 und 10 wurde mehrfach erweitert und umgebaut. Irmgard und Peter Kliche sind stolze Eigner der linken Haushälfte.

Aus dem ursprünglich repräsentativen Großbürgerwohnsitz wurde 1821 vielleicht das erste Zweifamilienhaus Rhedas.

Die exponierte Lage des Fachwerkgebäudes hat Hobbyhistoriker des Heimatvereins Rheda vor Jahren vermuten lassen, dass an der Stelle eines der ersten Rathäuser der ehemaligen Fürstenstadt gestanden haben könnte. Das ist inzwischen widerlegt worden, wie Dr. Wolfgang A. Lewe vom Heimatverein Rheda erklärt. Allerdings: „Mit Blick auf den städtebaulichen Grundriss Rhedas hätte es durchaus sein können“, sagt er.

Rhedas erstes Doppelhaus

Das heutige Doppelhaus liegt an der Kleinen Straße, die zwischenzeitlich auch Marktstraße genannt wurde. Sie ist eine von drei Parallelstraßen, die nach der Gründung Rhedas durch den Lipper Hermann II. im Jahr 1226 den ursprünglichen Stadtkern erschlossen. Dr. Lewe: „Bei der Planung Rhedas wurde konsequent das lippische Straßensystem angewandt, das auf der mittleren Längsachse – der heutigen Kleinen Straße – einen rechteckigen Marktplatz beinhaltete.“ Und genau hier befindet sich heute das wandlungsfähige Fachwerkhaus.

Im Auftrag von Klaus Landwehr von der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Rheda-Wiedenbrück hat Fachmann Laurenz Sandmann aus Warendorf die Historie des Hauses erforscht. Dabei hat er erstaunliche Erkenntnisse zutage gefördert. In drei Hauptbauphasen teilt Sandmann die Entstehung des Gebäudes ein. Irgendwann nach 1663 muss das Haus errichtet worden sein. Bauherr war der Kramer Philippus zur Becke. Er vermachte das Fachwerk seinem Sohn Heinrich, der es vermietete.

Sensationeller Giebelfund

Die eigentliche Sensation ist der aufwändig verzierte Westgiebel mit ornamentierten Füllhölzern und Schnitzereien. Nur: „Weil das Gebäude mit der Traufseite zur Kleinen Straße liegt, kann man diese hochwertige Handwerkskunst gar nicht bewundern“, sagt Dr. Lewe. Das angrenzende giebelständige Haus versperrt den Blick darauf. Forscher Sandmann geht davon aus, dass für das Fachwerkhaus das Holzbalkengerüst und die Giebel eines noch viel älteren Wohnhauses als Grundlage dienten. „Dieses Gebäude muss mit dem Westgiebel zur Straßenseite gestanden haben, sonst hätten die verspielten Holzornamente keinen Sinn gemacht“, betont Dr. Lewe.

Umbau 1821

Im 17. oder 18. Jahrhundert erfolgte der Ausbau des Fachwerkhauses Kleine Straße 8 und 10 zu heutiger Größe – ebenfalls unter Verwendung alter Hölzer aus anderen Häusern. Der Umbau und die Aufteilung des Gebäudes für zwei Parteien schlossen sich 1821 an. Die hohe Diele verschwand ebenso wie das Tor. Stattdessen erhielt das Haus zwei Eingangstüren – eine für jeden Wohnbereich. Die Trennung der Räume im Erd- und Obergeschoss wurde konsequent fortgeführt – eines der ersten Doppelhäuser entstand.

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