Familie kritisiert Villenversteigerung
Bild: Grujic
Unter dem Hammer: Die weiße Fabrikantenvilla an der Rektoratsstraße in Wiedenbrück wird am Samstag ab 12 Uhr versteigert. Auch die Einrichtungsgegenstände stehen auf der Auktionsliste. Die Angehörigen sind schockiert über das Vorgehen des Erben.
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„Als Träger des gleichen Familiennamens distanziere ich mich ausdrücklich von einem derart peinlichen Verhalten“, sagt Horst Lübke, der mit seiner Frau in Rheda lebt und von der Versteigerung des Anwesens seiner im vorigen Jahr verstorbenen Tante Christine vor einigen Woche aus der „Glocke“ erfahren hat.

„Peinlich und pietätlos“

Dass die 1969 erbaute Villa samt Einrichtung im Rahmen einer öffentlichen Auktion unter den Hammer kommt, sei gewiss nicht der Wunsch der kompletten Familie. „Die ganze Aktion ist an Peinlichkeit und Pietätlosigkeit nicht zu überbieten“, ärgert sich Horst Lübke. „Das hätte wirklich nicht sein müssen.“ Sein Cousin, der namentlich in den Medien nicht in Erscheinung treten will, hätte gut daran getan, Haus und Inventar auf konventionellem Weg zu verkaufen.

Hintergrund

Der Gütersloher Auktionator Detlef Jentsch versteigert die 1969 nach Plänen des Bielefelder Architekten J. G. Hanke erbaute Fabrikantenvilla am Samstag, 30. August, ab 12 Uhr im Auftrag des Erben. Für Haus und Grundstück beträgt das Mindestgebot 1,15 Millionen Euro. Darüber hinaus stehen 473 Einrichtungsgegenstände zu Einstiegsgeboten zwischen zehn und mehreren 1000 Euro auf der Auktionsliste. Die Summe der Mindestgebote für die knapp 500 Gegenstände – darunter antike Bücher, Gemälde, Möbelstücke, Gläser, Fernseher oder auch Fahrräder – beträgt knapp 77 000 Euro. Der Versteigerung voraus geht eine zweistündige Besichtigung. In diesem Zeitraum können Interessenten die Immobilie sowie das Inventar in Augenschein nehmen. Ab 10 Uhr ist das Haus geöffnet. „Aus Platzgründen“, heißt es auf einem Hinweisschild am Eingang, „kann Einlass nur mit einem gültigen Auktionskatalog geändert werden“. Dieser ist für 2,50 Euro beim Versteigerer erhältlich.

„Dass während der Versteigerung am kommenden Samstag jeder Interessent durch alle Räume des Hauses spazieren kann und dabei ganz zwangsläufig in die frühere Privatsphäre meiner Tante eindringt, hat mit Respekt und Anstand wenig zu tun“, kritisiert der 72-Jährige die Entscheidung seines Vetters. Noch unverständlicher sei das Verhalten seines Cousins vor dem Hintergrund, „dass nach dem Tod meiner Tante im vergangenen Sommer niemand von uns in das Haus durfte“. Dabei hätten einige Familienmitglieder mit Sicherheit gerne an dem Ort von Christine Lübke Abschied genommen, wo sie Jahrzehnte lang gewohnt hat.

„Zentrum der Familie“

Leo Lübke, Enkel der Verstorbenen sowie geschäftsführender Gesellschafter der Rheda-Wiedenbrücker Möbelfirmen Cor und Interlübke, findet ebenfalls deutliche Worte. „Mit Ausnahme der Erbenfamilie distanzieren sich alle Verwandten von Christine Lübke von diesem Vorgehen“, sagt er. „Für uns ist es bedrückend, zu erleben, wie das mit vielen Erinnerungen verbundene Zentrum der Familie am Samstag unter den Augen der Öffentlichkeit samt Inventar versteigert wird.“

Geerbt hat die weiße Villa der Stiefsohn von Christine Lübke. Die Verstorbene war die zweite Frau von Leo Lübke senior, der 1937 gemeinsam mit seinem Bruder Hans die Möbelfirma Lübke gegründet hat. Bundesweit bekannt wurde das Unternehmen ab 1963 durch die Einführung der hochpreisigen Marke Interlübke.

„Nichts Unanständiges“

Der Alleinerbe wies die Vorwürfe seines Vetters Horst Lübke sowie die Kritik von Leo Lübke junior am Dienstag im Gespräch mit der „Glocke“ weit von sich. „Das ist nichts Unanständiges, was wir da machen“, erklärte er mit Blick auf die geplante Versteigerung. „Als rechtmäßiger Erbe bin ich darüber hinaus frei in meinen Entscheidungen.“ Der Sohn von Leo Lübke senior legt darüber hinaus Wert auf die Feststellung, dass der Kompletterlös aus der Inventarversteigerung abzüglich der Auktionskosten an das Jugendgästehaus der Wiedenbrücker Franziskaner gespendet wird. „Das hätte meine Mutter so gewollt. Sie war zeitlebens eine Gönnerin des Klosters und regelmäßig zum Gottesdienst dort.“ Die Entscheidung, Haus und Einrichtung zu versteigern, habe er im Kreis seiner eigenen Familie nach reiflicher Überlegung getroffen, betonte er.

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