Fleischindustrie: Kritik an Werkverträgen
Bild: Sudbrock
Neuordnung gefordert: Werkverträge und das damit verbundene Aushebeln der Mitbestimmungsrechte von Arbeitnehmern sind den Gewerkschaftsvertretern (v.l.) Harald Wiedenhofer, Jim Jensen, Claus-Harald Güster und Bernd Maiweg ein Dorn im Auge. Mit prekären Beschäftigungsverhältnissen in der deutschen Fleischindustrie müsse endlich Schluss sein, forderten sie auf einer Konferenz in Rheda.
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Bei einem Gewerkschaftstreffen im Rhedaer A2-Forum bezeichnete Güster die Auslagerung kompletter Produktionsteile in Werkverträge als „Krebsgeschwür, das beseitigt werden muss“. Betroffen sei ein Großteil der Schlachtbetriebe sowie der weiterverarbeitenden Unternehmen. „Das Ganze mag legal sein, aber es ist unanständig“, betonte der NGG-Vize.

Subunternehmen erschweren Arbeit der Gewerkschaft

Es gebe jedoch auch positive Entwicklungen. Als Beispiel nannte Güster den deutschen Branchendritten Westfleisch. Der Konzern arbeite zwar weiterhin mit Werkvertragsbeschäftigten, stelle diese aber mittlerweile in einer eigens gegründeten GmbH an. Das erleichtere der Gewerkschaft die Durchsetzung der Interessen der zumeist aus Rumänien, Bulgarien und Polen stammenden Arbeitnehmer, weil man nicht mehr mit einzelnen Subunternehmern verhandeln müsse.

„Schwarzes Schaf“ Deutschland

Harald Wiedenhofer, Generalsekretär des europäischen Gewerkschaftszusammenschlusses für den Landwirtschafts-, Nahrungsmittel- und Tourismussektor, beschrieb Deutschland als „schwarzes Schaf“ der Fleischbranche. Durch das seit Jahren betriebene Sozialdumping und das niedrige Lohnniveau gerieten auch die europäischen Nachbarn unter Druck. Das bestätigte der dänische Gewerkschaftsvertreter Jim Jensen: Immer mehr Unternehmen aus Dänemark eröffneten Niederlassungen in der Bundesrepublik, weil dort wesentlich günstiger geschlachtet, zerlegt und veredelt werden könne.

8,60 Euro kommen nicht bei jedem an

Auch zwei Jahre nach der Einführung bezweifelt die NGG, dass der mit der Fleischindustrie ausgehandelte Mindestlohn von zurzeit 8,60 Euro pro Stunde bei jedem der mehreren tausend Werkvertragsarbeiter ankommt. Beim Unterlaufen der Regeln seien die Subunternehmen findig. Mitunter werde das Anlegen der Hygienekleidung nicht als Arbeitszeit anerkannt. Zudem werde immer wieder berichtet, dass Beschäftigte für Arbeitswerkzeuge wie Messer zur Kasse gebeten würden oder die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nicht gesichert sei. „Gleiches Geld für gleiche Arbeit“, laute deshalb weiterhin die Kernforderung der NGG, sagte Vize-Vorsitzender Güster.

Selbstverpflichtung der Industrie ein erster Schritt

Für einen Großteil der Werkvertragsbeschäftigten in der Fleischindustrie gilt seit einiger Zeit der deutsche Sozialversicherungsstandard. Diese freiwillige Selbstverpflichtung von 18 Unternehmen – darunter auch Branchenprimus Tönnies aus Rheda – sei ein Schritt in die richtige Richtung gewesen, betonte NGG-Vizechef Claus-Harald Güster während der Gewerkschaftstagung in Rheda. Verlässliche Bedingungen für die überwiegend osteuropäischen Arbeitnehmer garantierten auf Dauer aber nur Tarifverträge. Die Erhöhung der Stammbelegschaften um zehn Prozent im Jahr bei gleichzeitiger Reduzierung von Werkverträgen und Leiharbeit bleibe daher eine Kernforderung der NGG.

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