Gershwin-Genuss lockt Scharen
Bild: Kreyer
Ein furioses Feuerwerk entfachte Pianist Kai Schumacher am Sonntag auf der Bühne auf der Vorburg von Schloss Rheda. Die Musiker der Neue Philharmonie Westfalen breiteten für ihn einen üppigen Klangteppich aus.
Bild: Kreyer

Viele kleine Aktionen, Walkacts und Platzkonzerte haben die Menschen in und um Rheda-Wiedenbrück seit April genießen können und so das Geburtstagskind, die Flora Westfalica, feiern dürfen. Immer waren Interessenten gerne der Einladung gefolgt. Doch die Menge der Besucher am Sonntag übertraf dann doch alle Erwartungen der Veranstalter, laut deren Angaben 1400 Menschen zu Gast waren. Manche picknickten sogar auf der Wiese. Mit einem Sekt wurden die Pünktlichsten von ihnen begrüßt.

Kurzweilig moderiert

Die kurzweilige Moderation übernahm Dr. Rüdiger Krüger, Leiter der Volkshochschule Reckenberg-Ems, und nannte den besonderen Raum vor dem Schloss gar das „fürstliche Wohnzimmer“. Überhaupt wusste er, gut gelaunt, vieles zum Komponisten Gershwin zu berichten, in dessen 120. Geburtstag just hineingefeiert wurde. Eine Hommage an Südamerika und sommerliche Impressionen bot zu Beginn die „Kubanische Ouvertüre“, bei deren Uraufführung 1932 man 17.845 Besucher zählte. „Die aufregendste Nacht, die ich je erlebte“, schwärmte damals Gershwin. Ausgezeichnet interpretierte das Orchester das grandiose Werk. Verismo und Espressivo blitzten brillant empor, folkloristische Momente zeigten hier eine enorme Strahlkraft und elektrisierendes rhythmisches Feuer, dessen Intensität in der folgenden „Rhapsodie in Blue“ noch zunahm. Ein absolutes Erfolgsstück, das schon 1924 in New York gefeiert wurde. Gershwin verwandte Elemente der Jazzmusik und fesselt seine Zuhörer mit einem signalhaft aufsteigenden Glissando in der Klarinette. Eine Rhapsodie der Freude, und fast meinte man,  das rege Treiben in Manhattan vor sich zu sehen.

Furioses Feuerwerk auf den Tasten

Ein paar Takte später setzte das Klavier ein und Kai Schumacher verstand es vom ersten Augenblick an, die melodischen Proportionen elegant zu strukturieren. Wie kein anderer konnte Gershwin Jazz und Klassik verschmelzen. Bemerkenswert wie Schumacher, der eine klassische Ausbildung an der Folkwang-Hochschule Essen genossen hat und amerikanische Klaviermusik des 20. und 21. Jahrhunderts favorisiert, mit ungestümem Elan und Leidenschaft ein furioses Feuerwerk auf den Tasten entfaltete. Wie geschickt die Neue Philharmonie Westfalen ein farbenüppiges orchestrales Gewand auszubreiten vermochte. Welch Glücksfall für den Solisten, der virtuos über die Tasten glitt.

Facettenreiches Spiel

Schnell verging die Pause bei netten Gesprächen und einem Gläschen Wein und stieg die freudige Neugier auf den „Amerikaner in Paris“. Schwierig ist es zu sagen, ob es das bekannteste Werk des Komponisten, eines 1898 in New York geborenen Sohns jüdischer Immigranten aus Osteuropa, der damals Jacob Gershovitz hieß, überhaupt ist. Unbestritten ist, dass es kaum jemanden gibt, der die Auftragskomposition für die New Yorker Philharmoniker nicht kennt, in der Gershwin mit musikalischen Mitteln den Straßenverkehr der französischen Metropole lebendig werden lässt. Unüberhörbar der brasslastige Blues, in dem Gershwins Heimweh anklingt. Zu der Zeit lebte Gershwin in Paris. Feinste Nuancen bescherten die Streicher, allen voran der Solostreicher Jinwoo Lee.

Erstaunlicher Klang unter freiem Himmel

Erstaunlich war überhaupt die Klangwirkung unter dem freien Himmel. Auch wenn die Musiker von einer etwas trockenen Akustik sprachen, verblüffte jeder intensive, differenzierte Ton. Vollen Einsatz boten die bestens agierenden Musiker auch in der „Porgy and Bess“-Suite. Eigentlich ein Opernklassiker, weckte das Orchester dabei bildhafte Assoziationen und obendrein förderte der charismatische Dirigent Mihkel Kütson das facetten- und kontrastreiche Spiel seiner 50 Musiker. Ein absoluter Hörgenuss bis zur letzten Note.

Was wäre der Sommerausklang gewesen ohne ein Freiluftkonzert. Von einem lauen Lüftchen umweht leerte sich der abendlich beleuchtete Platz vor der Vorburg nur allmählich. Ein unvergessliches Erlebnis, das mit stehenden Ovationen belohnt wurde.

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