Gute Nachbarschaft mit Flüchtlingen
Bild: Sudbrock
„Völlig unproblematisch“ gestaltet sich nach Einschätzung von Olaf Diekwisch und Detlef Flaschel (v.l.) die Nachbarschaft zwischen Schülern und Flüchtlingen auf dem Gelände der Osterrath-Realschule am Wiedenbrücker Burgweg.
Bild: Sudbrock

Inzwischen kennt Detlef Flaschel die Antwort. „Es läuft alles vollkommen problemlos“, sagt der Leiter der Wiedenbrücker Realschule. Er spricht von einer „friedlichen Koexistenz“ zwischen Flüchtlingen und Schülern, die von gegenseitigem Respekt geprägt sei. Kein dummer Spruch aus der Schülerschaft über die fast 200 Männer, Frauen und Kinder, die nur einige hundert Meter entfernt in der Turnhalle eine Heimat auf Zeit gefunden haben, sei ihm zu Ohren gekommen. „Eine feindselige Haltung gegenüber den Asylsuchenden konnte ich bislang nicht ansatzweise bei unseren Schülern feststellen“, unterstreicht Flaschel.

Die Stammtischparolen, die in einigen Bevölkerungsschichten die Runde machten, müssten wohl von Erwachsenen lanciert worden sein, schlussfolgert der Realschulleiter. Die junge Generation sei gegenüber den Hilfesuchenden aus fernen Ländern aufgeschlossen, hat auch Konrektor Olaf Diekwisch beobachtet.

Hinweisschilder auf Arabisch

An den Zugängen zum Pausenhof der Osterrath-Realschule hängen seit einigen Tagen Hinweisschilder, die in arabischer Sprache darüber informieren, dass das Außengelände der Bildungseinrichtung während der Unterrichtszeiten ausschließlich den Kindern und Jugendlichen vorbehalten ist. Hinweistafeln in anderen Sprachen sollen in Kürze folgen, sagt Detlef Flaschel. „Abends und an den Wochenenden sind die Asylsuchenden auf unserem Schulgelände aber herzlich willkommen.“

Getrennte Bereiche seien wichtig, um den Schulbetrieb nicht zu stören. Gleiches gelte freilich auch umgekehrt: Die Dreifachturnhalle, in der das Deutsche Rote Kreuz und die Stadt am Dienstag voriger Woche die Notunterkunft in Betrieb genommen hatten, sei für die Schüler bis auf Weiteres tabu.

Asylsuchenden ein Gesicht geben

Dass sich alle Beteiligten an die Abmachungen halten, freut Detlef Flaschel – genauso wie die Tatsache, dass das Interesse der Schülerschaft für das Schicksal der Flüchtlinge enorm ist. Woher kommen die Menschen, die in der Sporthalle untergebracht sind? Warum sind sie aus ihrer Heimat geflüchtet? Was erwartet sie in Deutschland? Fragen wie diese beschäftigten die Osterrath-Realschüler, sagt Flaschel. Nach Antworten werde im Erdkunde-, Religions- und Sozialkundeunterricht gesucht. Flaschel: „Die Flüchtlingsproblematik lässt weder Schüler noch Lehrer kalt.“

Detlef Flaschel und sein Stellvertreter Olaf Diekwisch können sich vorstellen, dass demnächst Asylsuchende aus der benachbarten Unterkunft über ihre Flucht, die Beweggründe für die weitreichende Entscheidung und ihre Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit vor einzelnen Schulklassen berichten. Auch gemeinsame Aktionen, beispielsweise ein Fußball- oder Basketballturnier beziehungsweise ein geselliger Nachmittag bei Kaffee, Kakao und Kuchen, seien denkbar.

Im direkten Miteinander sei es am einfachsten, eventuell bestehende Vorurteile abzubauen, kulturelle oder religiöse Besonderheiten besser zu verstehen und sich die relativ abstrakte Zahl von 200 Flüchtlingen zu vergegenwärtigen. Flaschel: „Wenn einzelne Asylbewerber für unsere Schüler im wahrsten Wortsinn ein Gesicht bekommen, wird ihnen bewusst, dass hinter jedem Fall ein Einzelschicksal steckt.“

Keine Einschnitte beim Sportunterricht

Dass die Dreifachturnhalle am Burgweg bis auf Weiteres nicht mehr für den Sportunterricht genutzt werden kann, stellt die Osterrath-Realschule nach Auskunft Flaschels vor keine unlösbaren Probleme. In Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung sei es schnell und unbürokratisch gelungen, Alternativen zu finden. Alle Grund- und weiterführenden Schulen in Wiedenbrück hätten Zeitkontingente in ihren eigenen Turnhallen zur Verfügung gestellt. „Von kommender Woche an muss deshalb bei uns keine einzige Sportstunde mehr ausfallen“, ergänzt Diekwisch. Zu Turnhallen in der näheren Umgebung könnten die Schüler zu Fuß gehen, zu weiter entfernten Sportstätten würden sie mit Bussen gebracht. Für die 633 Osterrath-Realschüler stehen insgesamt 60 Zeitstunden Sportunterricht pro Woche auf dem Lehrplan. „Daran wird sich auch durch die vorübergehende Belegung unserer Turnhalle mit Flüchtlingen nichts ändern“, betont Flaschel.

Wie lange die Notunterkunft bestehen bleibt, ist ungewiss. Die Bezirksregierung hat mitgeteilt, dass die Turnhalle mindestens bis Ende September, wahrscheinlich aber bis zum Jahreswechsel, benötigt wird.

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