Hausarzt soll Honorare zurückzahlen
Lehrgeld bezahlen Mediziner aus Rheda: Zwischen Praxisgemeinschaft und Gemeinschaftspraxis besteht ein entscheidender Unterschied, vor allem hinsichtlich der Abrechnung.

In Fällen, in denen er oder sein Kollege verhindert waren, hat man sich gegenseitig vertreten. In dieser Häufigkeit war das aber nicht zulässig. Die Mediziner sollen jetzt zu Unrecht bezogene Honorare für Vertretungen der vergangenen Jahre zurückzahlen. „Mir ist bis heute nicht verständlich, worin das Fehlverhalten liegt, wenn Patienten eines abwesenden Arzts vertretungsweise behandelt werden. Aber erst recht unverständlich ist mir, warum man für die Behandlung von Patienten mit vollkommen korrekter Abrechnung trotzdem finanziell und persönlich bestraft werden kann, und das fünf Jahre rückwirkend“, schreibt der Mediziner in einem Brief an die Patienten. Er habe sich nach 16 Jahren in Rheda dazu entschieden, nicht mehr in diesem System weiterarbeiten zu wollen.

Im Rückblick stellt der Arzt die Situation wie folgt dar: Vor acht Jahren schloss er seine Praxis mit der eines Kollegen zu einer Praxisgemeinschaft zusammen. Jeder betreute ihm zufolge seine eigenen Patienten, mit Ausnahme von Abwesenheit: Dann habe der benachbarte Kollege übernommen. Das allerdings hätte nur in Notfällen geschehen dürfen. Laut Kassenärztlicher Vereinigung sei Hilfe bei nicht lebensbedrohlichen Anliegen unzulässig, sagen die Betroffenen. „Zumindest nicht, wenn sich beide Praxen in einem Haus befinden.“ Hätte man zwei verschiedene Eingänge gehabt, „dann wäre das alles ohne Probleme möglich gewesen“. Nach einem Verwaltungsverfahren sei er verpflichtet worden, sämtliche Honorare der vergangenen Jahre für Vertretungen zurückzuzahlen. Außerdem sei wegen der Behandlungen ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden.

Die Ärzte, die bereit seien, durch die Schaffung von entsprechenden Strukturen die Versorgung sicherzustellen, würden bestraft, gibt sich der Rhedaer Mediziner irritiert. Insgesamt seien 70 Praxen von dieser Vorgehensweise betroffen, sagt der Arzt. „Diese Angabe können wir nicht nachvollziehen“, reagiert Christopher Schneider, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe – wie auch Einiges andere. Die betroffenen Ärzte hätten schlichtweg das falsche Modell für ihre Einrichtung gewählt: Sie arbeiten in einer Praxisgemeinschaft und nicht in einer Gemeinschaftspraxis zusammen.

In diesem Fall muss man zunächst zwei Dinge unterscheiden: Praxisgemeinschaft und Gemeinschaftspraxis. In letzterer versorgen Ärzte einen gemeinsamen Patientenstamm und haben eine gemeinsame Abrechnungsnummer. In einer Praxisgemeinschaft aber hat jeder Arzt einen eigenen Patientenstamm und arbeitet für das eigene Portemonnaie. Hat jetzt ein Arzt einen Kranken versorgt, für ihn die Quartalspauschale erhalten und fährt dann in den Urlaub, kann der Patient nicht einfach zum nächsten Arzt in der Praxisgemeinschaft gehen. Dieser nimmt in dem Moment nämlich einen neuen Patienten auf und bekommt erneut die Quartalspauschale ausbezahlt.

Formal gesehen hat der Kunde die Praxis gewechselt. In dringenden Fällen und bis zu einem gewissen Prozentsatz sei das auch in Ordnung, sagt die Kassenärztliche Vereinigung. Ab 20 Prozent gemeinsamem Patientenanteil in einer Praxisgemeinschaft sei man jedoch gesetzlich verpflichtet, der Sache nachzugehen. Der Rhedaer Mediziner liegt deutlich darüber. „Praxisgemeinschaft und Gemeinschaftspraxis – das ist für Patienten kaum zu unterscheiden“, weiß Christopher Schneider. Diesen deutlich zu machen, hätten die Betroffenen ebenfalls versäumt.

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