Hobbywinzer blicken zurück
Bild: Werneke
Wisst ihr noch? An ihre gemeinsame Zeit als westfälische Hobbywinzer erinnern sich (v. l.) Christoph Bühlmeyer, Annja Scheer und Gudrun Bühlmeyer.  
Bild: Werneke

1988 haben die fünf ehemaligen Ernst-Barlach- und Einstein-Schüler quasi vor ihrer Haustür einen Weinberg gepachtet. Auf das Grundstück in Stromberg nah beim Funkturm seien sie durch eine Anzeige gestoßen, erinnert sich Annja Scheer. Drei Jahre schon hatte der Weingarten brach gelegen, den ursprünglich Erwin Semineth aus Rheda-Wiedenbrück in den 1970er-Jahren angelegt hatte. Nun hatten die 850 Rebstöcke auf rund 7500 Quadratmetern mit Annja Scheer, Gudrun Bühlmeyer, damals noch Stratmann, Christoph Bühlmeyer, Norbert Cordes und Dag Wixforth neue Winzer gefunden.

Hobbywinzer betreten Neuland

Das war Neuland für die über 20-Jährigen, die einfach mal die Schnapsidee hatten, etwas Neues auszuprobieren. „Wir hatten ja alle keine Ahnung“, räumt Annja Scheer ein, während sie mit den Bühlmeyers alte Fotos betrachtet. „Wir haben das wegen der schönen Aussicht gemacht. Bei gutem Wetter kann man dort oben bis zum Teuto gucken“, fügt Christoph Bühlmeyer augenzwinkernd hinzu. Immerhin: 180 Liter Rebensaft brachte das Hobbywinzerteam zur  1989 Lese ein. Helfer wurden mit eingespannt, und von Hand geerntet wanderten die Trauben zunächst in die Kiepen und von dort auf einen Anhänger. Auf dem Bühlmeyerschen Hof in Rheda ging die Arbeit weiter. Dort standen die nötigen Gerätschaften wie etwa die Weinpresse bereit, die aus dem Seminethschen Bestand stammten.

Feste rund um die Rebe

„Lecker“ sei der so gewonnene Federweiße gewesen, befinden die Frauen, als „gewöhnungsbedürftig“ charakterisiert ihn Landwirt Bühlmeyer – in jedem Fall gab die Ernte Anlass zum Feiern. Auf Hof Bühlmeyer stieg das erste Weinfest, und weitere Erntefeste sollten folgen. „Es gab tonnenweise selbst gebackenen Zwiebelkuchen“, denkt Gudrun Bühlmeyer gerne an die Feiern mit den Helfern, Freunden und Bekannten zurück. „Das Rezept gibt es heute noch, und wenn ich Zwiebelkuchen mache, dann den“, fügt sie hinzu. Zum Silberjubliäum wie beim Weinmarkt der Initiative Rheda in diesem Jahr sollte es zwar nicht reichen, doch überdauert haben noch Flaschen eigenen Weins.

Trockener „Trotzkopf“

„Jetzt probieren wir, richtig Wein zu machen“, sagten sich die Rheda Wiedenbrücker Hobbywinzer, als die Lese im Herbst 1990 mit 400 Litern Traubensaft besonders ergiebig war. Die auf der Stromberger Höhe gesetzte Rebsorte „Optima“ war eine Kreuzung aus Müller-Thurgau und Silvaner. 60 bis 70 Flaschen Wein haben die fünf Freunde abgefüllt. „Im Abgang etwas trotzig“, sei der Rebsaft gewesen, sagt die 44-jährige Annja Scheer über den ausgesprochen trockenen Tropfen. Er bekam den passenden Namen „Stromberger Trotzkopf“ und ein Weinetikett. Dem Charakter des Weins entsprechend ziert den 1990er Jahrgang ein stilisierter Stierkopf. Zugleich gibt er Auskunft über die Winzergenossenschaft: „DACHRANNOGU“. Er setzt sich aus den Initialen der Vornamen der fünf Freunde zusammen. Zwei Flaschen lagern in Annja Scheers Keller.

Arbeitsintensives Hobby

Viel Arbeit haben die Rheda-Wiedenbrücker in das gepachtete Weinland gesteckt. Fachlichen Rat gab ihnen ein Winzer aus Rheinland-Pfalz. Je nach Jahreszeit war etwas anderes zu tun: Die Hobbywinzer hielten das Gras kurz, damit es keine Nährstoffe entzieht, sie schnitten Triebe zurück oder banden sie neu an, und sie entfernten Laub, damit die Trauben genug Sonne bekommen. Zugleich mussten sie auf der Hut sein: Mancher Star hat das köstliche Paradies in den Blick genommen, und war eine Traube erst einmal angepickt, begann sie zu faulen. Also durfte mit der Ernte nicht getrödelt werden. 1993 fand die letzte Lese statt. Den Weinberg gibt es nicht mehr. Zu schwierig war es geworden für dieses arbeitsintensive Hobby die Beteiligten beisammenzuhalten, zumal jeder sich beruflich weiter fortentwickelte, sei es in der Landwirtschaft, dem Handwerk, der Pädagogik oder der IT-Branche. „Das war nett“, denkt Annja Scheer gerne zurück, derweil Christoph Bühlmeyer ein wenig mit der Lage der Weinfläche hadert. Ob er es noch mal probieren würde? „Och ja“, sagt er zögernd, wenn man eine passende Südhanglage fände. „Ich glaube, wir waren noch nicht reif genug“, sagt er.

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