Kreis Gütersloh schließt Schulen und Kitas
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Supergau bei Tönnies in Rheda: Mehrere hundert Beschäftigte sollen positiv auf Covid-19 getestet worden sein. Die Schulen und Kindertagesstätten im Kreis Gütersloh werden als Reaktion auf den massenhaften Covid-19-Ausbruch bei Tönnies ab Donnerstag wieder geschlossen.
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Nachdem am Wochenende fast 50 neue Corona-Fälle bei Tönnies in Rheda gemeldet worden waren, hatte der Kreis Gütersloh seine Massentestungen am Dienstag fortgesetzt. 1050 Mitarbeiter wurden untersucht, die in der Sauenzerlegung, in der Kantine und in der amtlichen Überwachung des Kreises Gütersloh tätig sind. 983 Ergebnisse liegen inzwischen vor. Vier von fünf sind positiv. Betroffen sind vorrangig Menschen, die im Kreis Gütersloh wohnen. Die Subunternehmer sind angehalten, ihre in der Zerlegung Beschäftigten sowie deren Angehörige anzuweisen, die Unterkünfte nicht zu verlassen. Überdies will der Kreis Gütersloh auch alle noch nicht getesteten und auf dem Betriebsgelände tätigen Personen bei Tönnies unter Quarantäne stellen und testen lassen.

Kreis Warendorf hat reagiert

Reagiert auf die Nachrichten aus der Nachbarschaft hat auch der Kreis Warendorf. Alle dort lebenden Tönnies-Mitarbeiter müssen in Quarantäne gehen. Die Stadt Oelde, in der zahlreiche Werkvertragsarbeiter des Fleischverarbeiters leben, macht vorsorglich die Schulen und Kitas an diesem Donnerstag und Freitag dicht. Im Kreis Warendorf, wo rund 600 Tönnies-Beschäftigte wohnen, wurden am Donnerstag 53 Neuinfektionen gemeldet - laut Landrat Dr. Olaf Gericke stehen sie alle im Zusammenhang mit dem Schlachtbetrieb im Nachbarort Rheda.

Betrieb steht still

Nachdem Tönnies Kenntnis über die hohe Zahl an Neuinfektionen erlangt hatte, war am Mittwoch um 9 Uhr die Anlieferung von Schweinen gestoppt worden. Seit Mittag wurde nicht mehr geschlachtet. Sukzessive werden weitere Bereiche heruntergefahren. Denkbar ist eine Dauer von zwei Wochen. Nur so könne man die weitere Ausbreitung der Erkrankung im Betrieb minimieren, sagt Unternehmer Clemens Tönnies. „Es geht jetzt nicht um das Unternehmen, es geht um die Menschen und um den Kreis. Wir unterstützen die Behörde in vollstem Umfang bei allen Maßnahmen.“

Die Schulen und Kindertagesstätten im Kreis Gütersloh werden als Reaktion auf den massenhaften Covid-19-Ausbruch bei Tönnies ab Donnerstag wieder geschlossen. Am Nachmittag tagte im Gütersloher Kreishaus ein Krisenstab. Die anschließende Pressekonferenz wurde per Livestream übertragen (https://iframe.dacast.com/b/52751/c/551086). 

Überlaufkapazitäten zur Unterbringung

Bis Dienstag war es am Tönnies-Stammsitz in Rheda bereits zu 128 Covid-19-Neuinfektionen innerhalb der Belegschaft, die zu einem großen Teil aus osteuropäischen Werkvertragsarbeitern besteht, gekommen. Bis Mittwochmorgen kamen 400 dazu. Der Kreis Gütersloh hat verfügt, dass alle Infizierten sowie deren nächste Kontaktpersonen unter Quarantäne gestellt werden. Ob der wohnlichen Enge will man Überlaufkapazitäten schaffen. 

Andere Standorte unauffällig

Wie lange der Produktionsbereich geschlossen bleibt, entscheiden die Behörden lageorientiert. „Wir werden uns nun in erster Linie um unsere Mitarbeiter kümmern – vor allem um die positiv getesteten und die, die sich in Quarantäne befinden. Erst dann werden wir den Betrieb in Abstimmung mit den Behörden wieder hochfahren.“ An den weiteren Standorten der Tönnies Gruppe wurden in den vergangenen Wochen ebenfalls behördliche Tests durchgeführt. Hier gibt es aktuell keine Auffälligkeiten, so dass die Produktion gemäß den dort gültigen Hygiene-Regelungen weiterläuft.

Kritische Marke deutlich überschritten

Durch die hohe Zahl an Neuinfektionen hat der Kreis Gütersloh die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen deutlich überschritten. Diese Marke geht auf eine Bund-Länder-Vereinbarung zurück: Wird diese überschritten, sollen Maßnahmen in Erwägung gezogen werden, um das Ausbruchsgeschehen einzudämmen. Dies führt jedoch nicht automatisch zu einem Lock-Down.

Befürchtungen bestätigt

 „Unsere schlimmsten Befürchtungen sind leider bestätigt worden“, heißt es von der SPD-Kreistagsfraktion. Sie erneuert ihre unlängst vorgebrachte Skepsis, „dass Landrat und Kreisverwaltung das Corona-Geschehen im Griff behalten. „Wieso hat man erst am Dienstag wieder mit eigenen Testungen angefangen? Hat man sich von den Ausführungen der Tönnies-Manager im Kreisausschuss am 11. Mai einlullen lassen?“, fragt Fraktionsvorsitzende Liane Fülling. Die Testungen seien nun auszudehnen und die Nachverfolgungen zu verdichten.

„Das war zu erwarten“

Almut Storck, Mitbegründerin der Interessengemeinschaft (IG) Werkverträge und Medizinerin, sagt: „Das war zu erwarten.“ Bereits im März habe sie vor einer Situation gewarnt, wie sie nun eingetreten sei. Ursächlich für die hohe Zahl an Neuinfektionen bei Tönnies seien zweifelsohne die Beschäftigung- und Lebensbedingungen der vielen tausend Werkvertragsarbeiter. Ein Mindestabstand von eineinhalb Metern sei zumindest unter Normalbedingungen in der Produktion nicht üblich gewesen. Ganz zu schweigen vom häuslichen Umfeld: „Wenn sich zwei oder drei Personen ei Zimmer, sechs oder sieben Menschen eine Toilette teilen, dann ist das vor dem Hintergrund der Pandemie ein großes Problem“, sagt Storck. 

Keine Überraschung

„Diese Situation fällt uns in der aktuellen Pandemie, alle Hilferufe der Betroffenen wurden nicht gehört. In den Massenunterkünften werden die Beschäftigten dicht an dicht in kleinen Zimmern zusammengedrängt. Auf dem Weg zur ihrem Arbeitsplatz finden sie sich jeden Tag in vollgestopften Bussen wieder. Höchst problematisch sind auch die viel zu geringen Abstände an den Zerlegebändern und in den Umkleiden. Unter solchen hygienischen Bedingungen können die jetzt aufgetretenen Corona-Infektionen für niemanden eine Überraschung sein. Das Wohl der Beschäftigten war schon längst abgemeldet“, bewertet Anke Unger, Regionsgeschäftsführerin des Deutschen Gewerkschaftsbunds in Ostwestfalen-Lippe, die Situation bei Tönnies.

„Trifft Kinder und Familien hart“

In vielen fleischverarbeitenden Betrieben seien die Zustände schon vor der Pandemie miserabel gewesen, meint Unger. Die Corona-Fälle seien das Resultat eines Preiskampfs, der auf Lohndumping und dürftigen Gesundheitsvorkehrungen beruhe. „Die Leidtragenden sind die vielen erkranken Menschen, die das mangelnde Risikomanagement der Firmenleitung leidvoll ausbaden müssen. Auch dass durch diesen Corona-Ausbruch alle Kitas und Schulen im Kreisgebiet geschlossen werden, trifft tausende Kinder und deren Familien wieder sehr hart.“

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