Integratives Miteinander als Erfolgsrezept
Bild: Werneke
Frischer Pflaumenkuchen gehört zum breiten Repertoire des Konditorgesellen Sergej Pisarev. Der gehörlose 27-Jährige gehört zum elfköpfigen Team des Integrationsbetriebs Anker-Villa in Wiedenbrück. Dort bereitet er auch Torten, Brote und Brötchen zu.
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„Das war anstrengend“, berichtet der 27-Jährige, der in der Anker-Villa an der Langen Straßen in Wiedenbrück mit Liebe Torten, Brot und Brötchen fertigt, über die Zeit seiner Ausbildung. Diese absolvierte er in Bielefeld, wo auch sein Lehrbetrieb war. Eigens nach Essen musste er zur Berufsschule für Gehörlose fahren. „Ich möchte vielleicht den Meisterbrief erlangen“, blickt Sergej Pisarev dennoch ehrgeizig nach vorn und muss sich, nicht zum ersten Mal in seinem Leben, Gedanken darüber machen, wie die Kommunikation gelingen kann.

In der Anker-Villa hat er eine Stelle gefunden, bei der auf die individuellen Bedürfnisse der elf Mitarbeiter, von denen fünf ein Handicap haben, besonders geachtet wird. Die Integrative Servicegesellschaft (ISG), ein Tochterunternehmen der Diakonischen Stiftung Ummeln, betreibt das Café-Bistro im urigen Fachwerkhaus seit fünf Jahren. „Wir möchten deutlich machen, dass Menschen mit und ohne Handicap Fähigkeiten und Schwächen haben, die man zusammenbringen kann“, erläutert Nadine Beyerbacht, Geschäftsbereichsleiterin der ISG und betont, dass dies auch in wirtschaftlichem Sinn ein Erfolgsrezept sein könne. Sie weiß zum Beispiel nicht nur die kreative Handwerkskunst Pisarevs, der von Anfang an dabei ist, zu schätzen, sondern auch dessen Ausdauer und starken Willen, mit denen er manche Hürde genommen hat.

„Bei Teamsitzungen werden Dolmetscher bestellt, das ist richtig klasse“, berichtet der 27-Jährige, dem auch zum Pressegespräch ein Gebärdendolmetscher zur Seite steht, was er an seinem Arbeitsplatz wertschätzt. Dort hat er Block und Stift ebenso griffbereit wie Löffel und Rührschüssel, wenn er Sauer- und Hefeteig für Brote in Bioqualität aus frisch gemahlenem Korn fertigt, von Hand Brötchen formt oder fruchtige Kuchen zubereitet. Mit den Kollegen verständigt er sich meist schriftlich. Auch Fotos und Smartphone können helfen, etwa dann, wenn er mit Teamleiterin Wiltrud Schnitker überlegt, wie Kundenwünsche für Torten oder neue Rezeptideen umgesetzt werden können.

Hektik bringt ihn nicht aus der Ruhe

Eine Kollegin des Anker-Villa-Konditors hat sogar einige Kurse in Gebärdensprache belegt. „Es wäre schön, wenn noch mehr gebärdet würde, aber wir kommen klar“, berichtet Sergej Pisarev, der als Kind seine Hörfähigkeit bis auf ein Restvermögen einbüßte und auf einem Auge erblindete. Wenn jemand langsam über ein ihm vertrautes Thema spricht, kann der gebürtige Russe auch von den Lippen lesen. 2002 kam er nach Deutschland und erlernte die Deutsche Gebärdensprache (DGS), die er seither außer der Russischen Gebärdensprache beherrscht. „Worte werden visualisiert“, erläutert er. Wenn er „Anker-Villa“ sichtbar machen sollte, würde er es buchstabieren, erklärt er, dass für Namen oft das Fingeralphabet benutzt werde.

Seinem Handicap weiß der junge Mann mit dem einnehmenden Lächeln auch einen Vorteil abzugewinnen: „Ich kann in Ruhe arbeiten, weil ich mich gut konzentrieren kann. Mich stören keine Nebengeräusche“. Lächelnd fügt er hinzu, dass er auch sein Hörgerät abschalten könne, wenn es allzu hektisch werde. Besondere Aufmerksamkeit, Geduld und Zeit verlangen etwa aufwändige Tortenaufträge. Ein Herz zum Anbeißen hat der Konditor ohne Führerschein, der mit der Bahn aus Bielefeld Arbeit anreist, einmal für eine Hochzeit kreiert. Allzu verständlich ist, dass bei solchen Tätigkeiten zum Beispiel Geschirrgeklapper stört, wenn Mittagessen zubereitet wird, Stimmengewirr von Kaffeekränzchen in die Küche dringt, oder Kolleginnen sich etwas zurufen, die der Tagungsgruppe oben im Speicher oder den draußen sitzenden Gästen Speisen servieren. Zum Gelingen der Arbeit und Spaß trägt nicht zuletzt ein gutes Betriebsklima bei. Der 27-Jährige, der in seiner Freizeit gerne ins Fitnessstudio geht, lobt das harmonische Team. Es werde gerne gescherzt und: „Wir wissen gegenseitig, wo unsere Grenzen sind und ergänzen uns.“

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