Kritik an Nazi-Kunst im Rathaus
Bild: Pieper
Rechtsanwalt Paul-Franz Jesse hat in Kunstkatalogen und Zeitungsartikeln genug Material über den NS-Propaganda-Maler Hans Schmitz gefunden, die ihn dazu veranlasst haben, nun erneut gegen die im Wiedenbrücker Standesamt hängenden „Marktszenen“ zu opponieren.
Bild: Pieper

Denn der Maler (1907 bis 1944), der sich den Künstlernamen „Wiedenbrück“ anhängte, gehörte zu den populärsten und erfolgreichsten Vertretern der nationalsozialistischen Propagandakunst. Schon mehrfach, als Privatier wie als CDU-Ratsmitglied hatte Jesse in der Vergangenheit und erst jüngst wieder bei Bürgermeister Theo Mettenborg Vorstöße gemacht, um die „unsäglichen Bilder“ abhängen zu lassen. Doch passiert ist bislang nichts. Das ärgert den Juristen. Bei vielen Ausstellungen, die das Schicksal großartiger, von den Nazis als „entartet“ diffamierter Künstler im Kontrast zu willfährigen NS-Malern beleuchtet, ist der kunstaffine Rechtsanwalt immer wieder auf den Namen Hans Schmitz-Wiedenbrück gestoßen.

Geschmack brauner Ideologen gezielt bedient

Und das hat seinen Grund. Denn im Gegensatz zu den „Entarteten“ bediente Schmitz, der im Atelier von Heinrich Repke ausbildet wurde und damit zum Umfeld der Wiedenbrücker Schule gehörte, gezielt den Kunstgeschmack der braunen Ideologen.

Seine Bilder wurden zu Schlüsselwerken der von den Nazis inszenierten „Großen Deutschen Kunstausstellungen“. Hitler kaufte von Schmitz nicht nur dessen „Bauern im Gewitter“ und „Das Johannisfeuer“ (4500 und 14.000 Reichsmark), der Führer blätterte 1941 auch 30.000 Reichsmark für das Triptychon „Arbeiter, Bauern und Soldaten“ hin, das als allegorisches Abbild der „Volksgemeinschaft“ mit entsprechend martialischer Botschaft Hitlers Bewunderung fand.

Von Hitler und Goebbels bewundert

NS-Reichsminister Martin Bormann zahlte 25.000 Reichsmark für eine von Schmitz gemalte „Tischgesellschaft“ und 20.000 für die „Frau mit Stier“. Propagandaminister Joseph Goebbels sicherte sich für 56.000 Reichsmark das Bild „Kämpfendes Volk“ und machte 1943 den damals erst 35-jährigen Schmitz zum Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf. Lange dozieren konnte der Maler dort aber nicht. Er wurde noch im selben Jahr einberufen und tat Dienst als Kriegsmaler. Hans Schmitz starb 1944 an einem Herzschlag.

Erst 1977 wiederentdeckt

Als die Stadt in den 50er-Jahren eine Ausstellung plante, bat man dessen Schwestern Elisabeth und Aenne um Leihgaben. So kamen drei Pastellskizzen – angeblich Studien zu einem Ölgemälde mit dem Titel „Leinwandmarkt in Greffen“ erstmals in die Öffentlichkeit. Später landeten sie – zusammen mit der Kohlezeichnung „Bauernfuhrwerk im Regen“ im Magazin, wurden vergessen und erst bei einer Bestandsaufnahme 1977 wiederentdeckt.

Wie aus Unterlagen des Stadtarchivs hervorgeht, hatten Transport und „Dornröschenschlaf“ aber deutliche Spuren auf den Pastellskizzen hinterlassen. Der Ausschuss für Kultur und Wirtschaft sprach sich damals für eine Restaurierung aus – woraufhin die Schwestern der Stadt alle vier Arbeiten schenkten.

Nachzulesen ist auch, dass das Landesmuseum Münster eine Restaurierung ablehnte. Gründe dafür sind nicht genannt. Vielleicht wollte man keine Werke von einem Künstler konservieren, der 1938 Sieger des Kunstwettbewerbs „Die neue Deutsche Familie“ und von den Nazis 1939 mit dem Großen Staatspreis ausgezeichnet worden war.

Heimatverein ist die Problematik bekannt

Dem Heimatverein ist die Schmitz-Problematik bekannt, seit man im Jahr 2000 begann, sich so engagiert um den Kunstkosmos „Wiedenbrücker Schule“ zu kümmern, dabei naturgemäß auf Werke des Malers stieß, darunter die besagten Marktszenen im Standesamt. „Aber deren Platzierung dort ist nie endgültig aufgearbeitet worden,“ gibt Manfred Schumacher zu. „Wir haben immer mal wieder überlegt, was man da machen könnte, aber wir sind uns letztlich nicht einig geworden.“

Handwerklich solide, aber rückwärts gewandt

Wer sich heute beim Besuch des Standesamts die colorierten, handwerklich durchaus solide gemachten Zeichnungen anschaut, wird vielleicht auf den ersten Blick an den im Gespräch vertieften oder sich übers gefaltete Leinen gebeugten Händlern nichts Anstößiges finden. Doch wie die aktuelle Ausstellung „Artige Kunst“ im Bochumer Museum unter Tage belegt: „Die Kunst des ,Dritten Reichs’ war bieder, rückwärts gewandt und stellte ein verlogenes Gegenbild zur Realität dar.“ Und weiter heißt es dort: „Unbeeindruckt von den täglichen Grausamkeiten im nationalsozialistischen Deutschland produzierten die regimetreuen Künstler in ihren Bildern eine Welt voller Harmlosigkeit.“

Jurist fordert Konsequenzen

Genau deshalb fordert Rechtsanwalt Jesse Konsequenzen. „Mir ist egal, ob sich jemand solch ein Bild ins Wohnzimmer hängt“, sagt der 71-jährige Jurist. „Aber sie gehören nicht in ein öffentliches Haus.“ Mit der Abnahme der Bilder wolle er Rheda-Wiedenbrück vor einem Image-Schaden bewahren. Auf Anfrage der „Glocke“, wie die Verwaltung mit Jesses Intervention umgehen will, hieß es: „Wir sind zurzeit noch in der Bewertung der Anmerkungen.“

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