Projektraum Kunst - ein Experiment
Bild: Pieper
Freuen sich auf interessierte Besucher in ihrem Projektraum Kunst: (v.l.) Jobst Tilmann, Reiner Kuhn und Pedro Barrocal im Atelier an der Ringstraße 137.
Bild: Pieper

 Kunst um der Kunst willen, l’art pour l’art. Es ist mehr als die Lust am Experiment, die ihnen beiden gemein ist. Es ist das Wollen – und Können –, andere Wege zu gehen, als die, die die regionale Kunstszene hinlänglich platt getreten hat. Der „Projektraum Kunst“ will neue Akzente setzen.

Zweimal im Jahr soll es ihn künftig geben und zwar im Atelier des seit 2009 in Rheda-Wiedenbrück ansässigen Künstlers Jobst Tilmann. Sein Refugium hat er in einer der ehemaligen Baumhüterhallen an der Ringstraße 137 gefunden. „Einfach ideal“, befand er im Konsens mit Reiner Kuhn – ideal für die Präsentation von Werken anderer. Konzentriert auf ein Wochenende soll den Kunstfreunden Gelegenheit zum hautnahen ästhetischen Erleben und zum direkten Gespräch mit dem Künstler und/oder auch

Jobst Tilmann lebt seit 2009 in der Emsstadt. Der aus Springe stammende Künstler, Jahrgang 1949, studierte in Hannover Malerei. Tilmann ist Dozent an der Hildesheimer Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst. Künstlerische Arbeitsaufenthalte in Italien und Marseille haben ihn geprägt. Seit 1984 unterhält er auch ein Atelier im südfranzösischen St.-Restitut. Seine Arbeiten finden sich in öffentlichen Sammlungen sowohl in Deutschland, als auch in Frankreich. Die aktuelle Ausstellung „L’appetit vient en mangeant“ im Kreiskunstverein Gütersloh, Hohenzollernstraße 30, gibt einen Einblick in seine Kunst (bis 26. Juni).
anderen Besuchern gegeben werden.

„Wir wollen Raum für Diskussionen und neue Ideen schaffen, einen Mehrwert, aber ohne jegliches (privat)wirtschaftliches Kalkül“, betonen beide. Natürlich kennen sich Tilmann und Kuhn, nicht zuletzt über den Kreiskunstverein Gütersloh, wo der eine gerade eine Ausstellung hat und der andere als Kurator tätig ist. Ihre gemeinsame Initiative aber ist die durchweg private zweier Gleichgesinnter, die – jeder auf seine Art – die Kunst tagtäglich (er)leben. „Die Glocke“ sprach vorab mit den Initiatoren über Hintergründe und Erwartungen.

 „Die Glocke“: Warum dieser „Projektraum Kunst“? 

Tilmann: Als Neuer in der Region will man natürlich eigene Felder in der vorhandenen Struktur finden und besetzen. Ich möchte etwas tun, aber nicht im bestehenden Chor mitsingen, sondern ein eigenes Lied anstimmen. Kuhn: Wir hoffen, mit diesem offenen Angebot viele Interessenten zu erreichen, sie über den Sensus zur Kunst zu bringen.

„Die Glocke“: Was prädestiniert Pedro Barrocal dazu, die erste Ausstellung, „Terra incognita“ genannt, in diesem Projekt zu bestücken?

Kuhn: Wie Tilman arbeitet er mit großer Konzentration und Präzision, auch wenn sie unterschiedliche Startpositionen haben. Die Qualität beider Künstler steht außer Frage. Ihre Ansprüche an sich selbst ähneln sich. Deshalb können sie sich gegenseitig aushalten. Anders würde die Ausstellung im Atelier eines anderen auch nicht funktionieren.

 Barrocal: Es geht doch um den gegenseitigen Respekt vor dem Künstler und Mensch. Aber selbst wenn wir uns stilistisch unterscheiden, so stellen wir mit und in unserer Malerei doch die gleichen existenziellen Fragen.

Pedro Barrocal, Jahrgang 1948, wurde in Spanien geboren. Er lebt und arbeitet in Gütersloh. In mehr als vier Jahrzehnten hat der zurückhaltende Künstler ein umfangreiches, vielschichtiges Werk geschaffen. Er entwickelte eine Bildsprache, die von großer Konzentration und Präzision zeugt. Er setzt persönliche Erlebnisse, historische Ereignisse, Begegnungen oder Erinnerungen in Malerei um. Derzeit lässt er sich von den existenzialistischen Filmen Ingmar Bergmanns zur Auseinandersetzung mit dem Thema Religion inspirieren. Oft nutzt Barrocal die Fotografie, um aus deren Detailerfassung seine akribischen Farbkosmen zu komponieren. Im „Projektraum Kunst“ stellt er Stadtlandschaften und hyperrealistischen „Naturbilder“ zur Diskussion. Deren Realität ist eine Fiktion, die kein Abbild sein, sondern neue Werte schaffen will.
Tilmann: Und wir finden im Medium Malerei auch unsere Antworten.

 „Die Glocke“: Wann sehen Sie die Aktion als Erfolg an? 

Kuhn: Wenn die Besucher mit viel Neugierde und Offenheit kommen, sich auf die Gesprächsmöglichkeiten einlassen. Wenn sie etwas mitnehmen von dem, was Künstler leben und dabei vielleicht auch an sich Neues entdecken oder gar offenbaren.

Tilmann: Gute Kunst sorgt für neue Erfahrungen und Denkweisen. Sie öffnet Köpfe für Fragen. Ich würde mich freuen, wenn die Leute mit einem Sack voll Fragen rausgehen.

 „Die Glocke“: Was wäre das Schlimmste? 

Barrocal: Wenn wir es gar nicht gemacht hätten.

 Der „Projektraum Kunst“ ist am Freitag, 27. Mai, von 20 bis 24 Uhr, am Samstag, 28. Mai, von 16 bis 19 Uhr und am Sonntag, 29. Mai, von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

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