Spaziergang durch bunte Kunstszene
Bild: Daub
Die Schwestern Anna Thiessen (links) und Larissa Spenst sind erstmals im Rahmen der Veranstaltung „Tag des offenen Ateliers“ mit von der Partie gewesen.
Bild: Daub

Zwischen 11 und 17 Uhr wurden acht Adressen der lokalen Kreativszene zahlreich angesteuert, darunter das Künstlerhaus Repke an der Hauptstraße, in dem fünf Frauen und ein Mann mit ihrer „Ernte 2017“ aufwarteten. Mit Larissa Spenst und Anna Thiessen haben sich zwei Neulinge in der Kunstszene der Doppelstadt gemeldet. Es sind Schwestern, die im Bauernhaus an der Röckinghausener Straße 32 ihre kreativen Betrachtungen öffentlich gemacht haben.

Anna Thiessen (40) und Larissa Spenst (48) sind im Südural groß geworden. 1989 gelangten sie mit den Eltern nach Westdeutschland. Heute sind sie auch beruflich in einer Modefirma tätig, die eine im Außenvertrieb, die andere in der Entwicklung von Textildrucken (Prints) im Designerteam. Anna Thiessen hat sich für die digitale Fotografie in Schwarz-Weiß entschieden, die sie fasziniert: „Ich will den Moment festhalten.“ Aufnahmen von einem Nostalgiekarussell in Fahrt, von Menschen in Straßen, die im Gegenlicht wie mit dem Skalpell geschnittene Schatten wirken. Ihr suchender Blick nach Stimmungen und Augenblicken – „die beim Betrachter etwas auslösen“ – zeitigte in den Karpaten entdeckte Wolkengebilde oder auf mattem Fotopapier notierte Phasen eines Sonnenuntergangs, diesmal in Gelbtönen, sowie eine Bilderserie über Sylt. „Unretuschiert und ohne Filter“, sagt Anna Thiessen, sollen ihre Fotos Natur und Menschen wiedergeben, etwa Wolken, Schatten, das Spiel des Lichts. Technische Einblicke in die Fotografie erhielt sie schon als Kind beim Vater, der das Badezimmer in eine Dunkelkammer verwandelt hatte.

Schwarz-Weiß-Kontraste

Im Dachgeschoss des früheren „Vorbohlehauses“ hat sich die neue Besitzerin Larissa Spenst mit Unterstützung ihres Mannes und zweier Kinder eine erstaunli-che, von alten Balken gestützte, „Welt des Experimentellen“, nämlich ein von Lampen und Strahlern erhelltes Atelier, geschaffen. Hier verschmelzen ihre in Kunstseminaren erworbenen Fachkenntnisse mit jenen von Talent und Einfällen geprägten Versuchen, eine ureigene Handschrift erkennen zu lassen, erfolgreich. Auch Larissa setzt auf Schwarz-Weiß-Kontraste. Es entstanden aus abstrakt und kühn geführten Pinselstrichen Emotionen aus Kaminruß, und die verdeutlichen eine Power-Frau. Ihre fröhliche Erklärung zum Material: „Den liefert mir mein Schornsteinfeger.“

Tänzerischer Ausdruck auf Leinwand

Heidi Lange-Kallerhoff hat mit einem als „Choreografie“ bezeichneten 4,20 Meter breiten Gemälde im Erdgeschoss des Künstlerhauses Repke eigene Maßstäbe für Größenordnungen gesetzt. Am Sonntag konnte das Domizil, in dem sechs Kreative schöpferisch tätig sind, erneut einen Besucherandrang im Zeichen des „Tags des offenen Ateliers“ registrieren. Die Altenbekenerin Lange-Kallerhoff ist bis zur Finissage Ende des Jahres Gastausstellerin im Repkeschen Gebäude. Die studierte Grafikdesignerin und Malerin hat sich 2009 von ihrer langjährigen Arbeit in der Wirtschaft entschlossen verabschiedet und einen Schwerpunkt als selbstständige Kreative gesetzt: Sie widmet sich der Darstellung tänzerischer Kultur in all derer Wildheit, Weisheit und Ausdruckskraft. Dabei ist ihr die Arbeit der 2009 verstorbenen Star-Choreografin Pina Bausch zum Herzensanliegen geworden, wie sie gegenüber der „Glocke“ betonte. Lange-Kallerhoffs „Choreografie“, die mit Acrylfarben, unterstützt von Pastellkreidemarken, auf Leinwand entstanden ist, wirkt wie ein in Feuer getauchtes Drama der Leidenschaften. Weitere 15 Exponate betonten ebenfalls die exorbitanten Gedankengänge der Malerin in Sachen Motiv, sehr zur Freude auch von Marianne Zimmer, die im Kunsthaus als Tanztherapeutin wirkt.

Symbiose von Malerei und Keramik

Von Jutta Koch, die im Kunsthaus ihren festen Platz hält, behalten die Besucher wohl unter anderem das Bild „Dame mit Hündchen“ nach einer Erzählung von Anton Tschechow in Erinnerung, wobei der Vierbeiner außerhalb der Leinwand imaginär agiert. „Die Glocke“ besuchte auch das Atelier von Helga Kirchberg, Hauptstraße 33. Die Künstlerin, die seit Jahren feine Maßstäbe für den Umgang mit Ton gesetzt und Auszeichnungen gesammelt hat, folgte jüngst einer Eingebung. Sie hat die Symbiose zwischen Keramik und Malerei attraktiv vollzogen. Ihre neuen Arbeiten könnte man Kollagen nennen, aber dies würde dem Anspruch auf die hoch angesiedelte Ästhetik wohl nicht genügen. Somit sind kosmische Impressionen, sinnliche Motive, die der Planet Erde enthält, förmlich aus dem künstlerischen Kraftfeld ans Tageslicht geraten.

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