Tönnies: Video ruft Grüne auf den Plan
Vorkehrungen getroffen: Neben der Werkskantine hat das Fleischwerk Tönnies ein Zelt aufgestellt. Es dient den Beschäftigten als zusätzlicher Pausenraum. Laut Unternehmenssprecher Dr. André Vielstädte ist es eine von vielen Maßnahmen zur Verringerung des Corona-Infektionsrisikos.

Grünen-Fraktionschef Volker Brüggenjürgen berichtete in der Sitzung des städtischen Haupt- und Finanzausschusses am Montagabend von einem Video, das seit einigen Tagen im Internet kursiere und eng nebeneinandersitzende Werkvertragbeschäftigte beim Essen in der Tönnies-Kantine zeigen soll. Mundschutz trügen die in weißen Arbeitsanzügen gekleideten Menschen nicht, auch Abtrennungen etwa aus Plexiglas seien nach Brüggenjürgens Worten nicht zu sehen. Die Aufnahme sei etwa Mitte April entstanden.

Fraktion ist „fassungslos“

„Ich weiß, dass die Stadtverwaltung von dem Video weiß“, erklärte der Grüne und forderte Aufklärung. Es sei nicht nachzuvollziehen, dass Tönnies-Mitarbeiter nebeneinander essen, „während der Rest der Welt auseinanderrückt“. Man sei fassungslos.

Sein Fraktionskollege Hans-Hermann Heller-Jordan legte am Dienstag im Gespräch mit dieser Zeitung nach: „Wenn man die Auskünfte des Unternehmens auf unsere Anfrage in Verbindung mit dem jetzt aufgetauchten Video sieht, entstehen weitere Fragen, die dringend nach Antworten suchen.“

Tönnies: Nicht über-, sondern miteinander reden

Unternehmenssprecher Dr. André Vielstädte wollte sich auf Nachfrage nicht zu dem Bildmaterial äußern: „Da ich nicht weiß, um was für ein Video es sich handelt, kann ich hierzu keine Stellung beziehen.“ Grundsätzlich sei es empfehlenswert für alle Beteiligten, nicht über-, sondern miteinander zu sprechen, sagte er in Richtung Volker Brüggenjürgens. „Dann könnten wir auch die Vielzahl an Maßnahmen erläutern, die wir etwa in der Kantine, aber auch an anderen Stellen, getroffen haben.“

Die Gelegenheit dazu wird die Firma Tönnies demnächst haben. Bürgermeister Theo Mettenborg (CDU) kündigte an, dass man einen Unternehmensvertreter zur nächsten Stadtratssitzung eingeladen habe, die am Montag, 18. Mai, um 17 Uhr in der Stadthalle beginnt. „Ich gehe davon aus, dass das Unternehmen kommen wird“, sagte Mettenborg. Zudem kündigte das Stadtoberhaupt detaillierte Ausführungen des Ersten Beigeordneten Dr. Georg Robra zu den Fragestellungen der Grünen an, die diese bereits mit Schreiben vom 2. April aufgeworfen hatten.

Henkenjohann kritisiert Verzögerung

Antworten von Tönnies auf die Grünen-Fragen liegen bereits seit 22. April im Rathaus vor. Firmensprecher Vielstädte betonte, man habe binnen 24 Stunden reagiert. Die Stadtverwaltung leitete die Tönnies-Stellungnahme auf die Grünen-Anfrage aber erst wenige Minuten vor Beginn der Haupt- und Finanzausschusssitzung an die Ratsfraktionen weiter, wie CDU-Chef Uwe Henkenjohann kritisierte. Daher sei es richtig, das Thema auf die Ratssitzung Mitte Mai zu vertagen.

Umweltpartei ist besorgt

In ihrem Fragenkatalog sprechen die Grünen von der „nicht von der Hand zu weisenden Besorgnis, in und um die Firma Tönnies herum könnte sich möglicherweise ein enormes Corona-Infektionspotenzial entwickeln“. Die Grünen begründen die Befürchtung, die viele Bürger ihnen gegenüber geäußert hätten, wie folgt: „Trotz aller bereits seitens der Firma ergriffenen Maßnahmen arbeiten immer noch jeden Tag tausende Mitarbeiter im Produktionsbereich zeitgleich in einer Schicht.“ Und: „Die besonderen Arbeitsbedingungen bei der Firma Tönnies und die speziellen Wohn- und Lebensbedingungen der dort beschäftigten Werkvertragsarbeiter tragen erhebliche Infektionsrisiken in sich.“

Konkret wollen die Grünen unter anderem wissen: Kann der Mindestabstand von 1,50 Metern während der Arbeitsschichten eingehalten werden? Gibt es Notfallpläne zur Unterbrechung einer eventuell auftretenden Infektionskette? Was würde eine Corona-Erkrankung für Leiharbeiter mit Kopplungsverträgen von Arbeiten und Wohnen bedeuten? Wie kann verhindert werden, dass infizierten Arbeitern die Unterkunft gekündigt wird und sie obdachlos werden?

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