Tönnies kündigt Sofortpaket an
Foto: von Stockum
Am Donnerstag hatten Landwirte vor dem Stammsitz der Firma Tönnies in Rheda erneut gegen den Preisverfall beim Schweinefleisch demonstriert. Nun kündigt das Unternehmen ein Sofortpaket an.
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„Das ist für uns ein Anfang“, sagte Hans-Heinrich Berghorn, Pressesprecher des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands (WLV), auf Anfrage dieser Zeitung.

Spitzentreffen mit Bauernverbänden

Der Präsident des Verbands, Hubertus Beringmeier, sowie die beiden Hauptgeschäftsführer Dr. Thomas Forstreuter und Dr. Bernhard Schlindwein hatten sich zu einem Spitzengespräch mit Unternehmer Clemens Tönnies getroffen, bei dem alle Beteiligten zusicherten, sich gegen die Talfahrt der Preise zu stemmen. Konkret heißt das für alle mit dem Rhedaer Schlachthof partnerschaftlich verbundenen Betriebe: gezielte Abnahme der überschweren Schweine und Verschiebung der Preismaske für dieselben sowie Verkürzung des Zahlungsziels auf nur noch einen Tag – in Härtefällen.

Bei denen, die mit Schweinen ihr Geld verdienen, liegen die Nerven blank. In der vergangenen Woche war der Preis erneut abgesackt – auf 1,19 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht. Die Landwirte fordern mindestens 50 Cent mehr, um überleben zu können. Kritik üben sie insbesondere an der Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels, sprich Aldi, Lidl, Edeka und Rewe.

Chinesisches Importverbot belastet gesamte Branche

Ihren Anfang nahm die Krise mit der Schließung von Schlachthöfen, weil sich Beschäftigte mit Covid-19 infiziert hatten. Kurze Zeit später wurde bei einem Wildtier in Brandenburg die Afrikanische Schweinepest festgestellt, woraufhin wichtige Abnehmer wie China einen Importstopp für Fleisch aus Deutschland verhängten. Weil dann noch eine Form des Coronavirus’ bei dänischen Betrieben auftauchte und auch die Nachbarn nun kaum exportieren können, drängen große Mengen weiteren Borstenviehs auf den europäischen Binnenmarkt. Also schieben die Erzeuger hunderttausende schlachtreife Tiere vor sich her und befindet sich der Preis im Sinkflug.

Kampf gegen den Schweinestau

„Unser Ziel ist es, in den kommenden Wochen die Ställe vom Schweinestau zu befreien. Damit werden Mäster und Ferkelerzeuger spürbar entlastet“, sagte Clemens Tönnies nach dem Spitzengespräch. „Die Zeit ist reif, dass die Unternehmen der Ernährungsindustrie wie auch die großen Lebensmittelketten und Discounter ihrer Verantwortung für das Überleben der heimischen Landwirtschaft gerecht werden“, betonte Beringmeier. Ohne eine verbesserte Wertschöpfung drohe den Bauern ein Fiasko. Der Preisverfall bei Schweinefleisch müsse gestoppt werden.

„Dieses Jahr setzt uns allen in der landwirtschaftlichen Kette enorm zu“, sagt Clemens Tönnies. „Aber wir halten zusammen, um diese schwierige Zeit gemeinsam zu meistern.“ In den kommenden Tagen wird das Unternehmen eigenen Angaben zufolge gezielt die überschweren Schweine von Vertragslandwirten sowie langjährigen Partnern nach der geänderten Abrechnungssystematik abnehmen. Anschließend werde man die Sachlage neu bewerten. Außerdem senkt Tönnies das Zahlungsziel in besonderen Härtefällen und zahlt dann innerhalb eines Tags für die gelieferten Tiere. „Partnern in Not bieten wir damit eine gezielte Unterstützung“, sagt Dr. Wilhelm Jaeger, Leiter der Abteilung Landwirtschaft.

„Von uns geht kein Preisdruck aus“

„Von uns geht kein Preisdruck aus“, sagt Tönnies. Die gesamte Branche müsse sich gegen den Preisrutsch stemmen. „Der akute Verfall ist in erster Linie dem Wegfall der Exportmöglichkeiten aufgrund der Afrikanischen Schweinepest geschuldet. Hier ist die Politik ebenfalls gefordert. Bundesministerin Julia Klöckner genießt in China einen ausgezeichneten Ruf, sodass wir zuversichtlich sind, dass sich der chinesische Markt wieder öffnet“, sagt Konzernchef Clemens Tönnies.

Landwirte sehen Regierung in der Pflicht

Der Grundgedanke des Hilfspakets sei gut, würdigt Landwirt Burkhard Berg das Engagement von Tönnies und WLV. Allerdings kratzten die Akteure mit den Maßnahmen lediglich an der Spitze des Eisbergs. „Sie reichen gerade aus, um die größte Not zu lindern.“ Viel entscheidender sei, dass Deutschand schleunigst wieder den chinesischen Markt mit Schweinefleisch beliefern darf.

Der Bundesregierung wirft Berg „Komplettversagen“ vor. Die Art und Weise, wie auf der einen Seite Milliarden mit der Gießkanne ausgegossen würden, man aber auf der anderen Seite die Landwirte im Regen stehen lasse, überdies noch Stimmung gegen die Branche mache, sei nicht hinnehmbar. „Es ist beschämend“, sagt Berg.

Kritik an Supermarkt-Ketten

Noch härter ins Gericht gehen die Landwirte mit Aldi, Lidl, Rewe und Edeka. Die Vorstände der Unternehmen hatten jüngst einen Brandbrief an die Kanzlerin formuliert, weil sie sich zu Unrecht an den Pranger gestellt fühlen. Die Bauern indes meinen, dass sie dort richtig stehen – und unterstreichen das am morgigen Donnerstag mit einer Demo vor der Aldi-Zentrale in Essen.

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