Traurige Piusschüler wenden sich an Landrat
Bild: Werneke
Briefe verfasst und bebildert haben Viert- und Erstklässler, die bisher zusammen mit den syrischen Mädchen Rimas und Lilas in der Piusgrundschule in Wiedenbrück gelernt haben. Darin bringen sie ihr Unverständnis, ihre Trauer und Betroffenheit zum Ausdruck und ihre Hoffnung, dass die Flüchtlingsfamilie aus Rheda-Wiedenbrück doch nicht nach Bulgarien abgeschoben wird. Das Bild zeigt die Kinder mit ihren Klassenlehrerinnen Jutta Heggemann (l.) Schulleiter Jürgen Frerich und Waltraud Thiel.
Bild: Werneke

Die Schwestern, die 2015 mit ihrer Familie aus Syrien nach Deutschland geflüchtet waren, und zuletzt in Wiedenbrück gelebt haben, sollen nach Bulgarien abgeschoben werden. Ihre Mutter befindet sich in Abschiebehaft in Frankfurt („Die Glocke“ berichtete). „Ich war fassungslos, das kann man gar nicht erklären“, sei ihr durch den Kopf gegangen, als sie diese Nachricht erfuhr, blickt Waltraud Thiel, Lehrerin der 4 d, in der bisher auch Lilas lernte, zurück. „Wie soll ich das erklären?“, sei ihr durch den Kopf gegangen, berichtet Jutta Heggemann, Lehrerin der 1 b, die Rimas besucht hat. In der Piusschule gibt es keine gesonderte internationale Klasse. Die zwei Schwestern gingen in die Regelklassen und erhielten zusätzlich Deutschunterricht. Aufgrund des Patensystems an der Einrichtung standen i-Dötzchen Rimas zudem zwei Viertklässlerinnen als Ansprechpartnerinnen zur Seite.

Um die Jungen und Mädchen, dabei zu unterstützen, das Geschehene zu verarbeiten, haben die zwei Grundschullehrerinnen, wie sie berichten, die Erst- und Viertklässler Briefe verfassen lassen. Zudem haben sie ein Anschreiben an Landrat Sven-Georg Adenauer aufgesetzt. Sämtliche Schriftstücke seien in einem Umschlag direkt zu ihm nach Hause gebracht worden. „Jeder Brief ist lesenswert und zeigt die Betroffenheit“, sagt Waltraud Thiel.

„Kinder denken menschlich“

 „Kinder denken weder juristisch noch politisch, sondern menschlich“, unterstreicht Schulleiter Jürgen Frerich, dass es ihm wichtig war, die Jungen und Mädchen agieren zu lassen. Das wird deutlich, wenn diese davon berichten, wie es ihnen mit der gegenwärtigen Situation geht und wenn man einen Blick in ihre Briefe wirft. „Es fühlt sich an, als ob ein Stück von mir rausgenommen wurde“, beschreibt Josie ihre Empfindung von Verlust. Manch ein Kind fühlt mit, wie schwer es sein muss, wenn man gerade Deutsch gelernt hat, und sich nun womöglich erneut eine fremde Sprache aneignen muss. Und es taucht auch die Frage auf, wie sich wohl der Landrat selbst fühlen würde, wenn seine Mutter im Gefängnis wäre? Zwei Mädchen haben sich sogar ein Herz gefasst und standen jüngst beim Landrat persönlich an der Haustür.

Anwalt wartet auf Entscheidung

„Wir Erwachsene zerbrechen uns den Kopf über Integration, Kinder müssen darüber nicht nachdenken“, sagt Schulleiter Frerich. Sie würden sie einfach handeln. Lilas, Rimas und ihre Mitschüler haben gemeinsam die Schulbank gedrückt, sie haben zusammen gespielt. Auch bei Aktivitäten wie Klassenfahrt, Fußballspielen in der AG oder Karnevalsfeier wurde Integration gelebt. Klassenlehrerin Waltraud Thiel vermutet, dass die Viertklässlerin Lilas beim Wechsel in die weiterführende Schule wohl direkt eine Regelklasse hätte besuchen können.

„Beide haben riesige sprachliche Fortschritte gemacht. Aber auch in psychischer Hinsicht sind die beiden durch Krieg und Flucht traumatisierten und sehr verschlossenen Mädchen mit der Zeit immer fröhlicher und offener geworden“, heißt es in dem von den Pädagoginnen verfassten Schreiben an den Landrat. Für die Familie aus Syrien setzt sich auch ihr Rechtsanwalt Eliyo Cetin ein. Er hat beim Verwaltungsgericht Minden eine einstweilige Anordnung beantragt, mit dem Ziel, dass die beabsichtigte Abschiebung der kurdischen Familie mit fünf Kindern ausgesetzt wird. Mit einer Entscheidung darüber rechnet er in dieser Woche.

SOCIAL BOOKMARKS