Schlachtung gestartet, Zerlegung erlaubt
Foto: Dresmann
„Schluss mit dem Schweinesystem“ prangt auf einem Banner, das Greenpeace-Aktivisten am Donnerstag auf dem Tönnies-Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück entrollt haben.
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So landeten Aktivisten der Umweltschutz-Organisation Greenpeace am Morgen mit motorisierten Gleitschirmen auf dem Dach einer Halle des Werks. Dort entrollten sie ein großes Banner vom Dach des Schlachthofs, auf dem „Schluss mit dem Schweinesystem“ steht.

Auch Genehmigung für Zerlegung erteilt

Zuvor waren in den frühen Morgenstunden die ersten Schweine auf Viehtransportern angeliefert worden. Am Ende der ersten Schicht waren rund 8000 Tiere geschlachtet worden. "Das ist das Maximale, was eine Schicht schaffen kann", sagte ein Konzernsprecher am Donnerstag. Die Schlachtungen hätten unter den von den Behörden genehmigten Hygiene-Bedingungen begonnen.

Für den nächsten Produktionsschritt gaben die Behörden am Donnerstagabend grünes Licht: Die Stadt hob auch die letzte Verfügung gegen das Unternehmen auf, Tönnies darf damit jetzt auch wieder Schweine zerlegen. Nach einer Begehung von Experten und Gutachtern sei das von Tönnies vorgelegte Hygienekonzept von allen beteiligten Behörden abgenommen worden, heißt es in einer Mitteilung des Bürgermeisters am Abend. An diesem Freitag soll ein Probelauf bei der Zerlegung unter Aufsicht der Behörden starten.

Stau bei Schweinemästern

Tönnies schlachtet am Hauptsitz in Ostwestfalen im Normalbetrieb pro Tag je nach Marktlage zwischen 20.000 und 25.000 Schweine. 30.000 sind von den Behörden genehmigt. Durch den Produktionsstopp in Deutschlands größtem Schlachtbetrieb hatte sich ein Stau bei den Schweinemästern gebildet. Sie wurden ihre Tiere nicht los, und in den Ställen wurde der Platz eng. Die angekündigt Wiederaufnahme der Schlachtung bei Tönnies wurden von den Landwirten begrüßt. "Dieser Schritt war dringend notwendig, auch überfällig und schließlich auch ein wichtiges Signal zur Normalisierung der Märkte", hatte der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, Bernhard Krüsken, bereits am Mittwoch gesagt.

Laumann: „Werkverträge müssen verboten werden“

Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann besteht derweil auf politische Konsequenzen des Corona-Ausbruchs bei Tönnies. Werkverträge über Subunternehmer seien der Grund für den Ausbruch gewesen. "Für mich ist völlig klar, die Werkverträge in der Fleischindustrie müssen verboten werden", sagte der CDU-Politiker am Donnerstag im ZDF-"Morgenmagazin". Das gleiche gelte für die Zeitarbeit in der Branche. Er warte darauf, dass Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) bald Gesetzesvorschläge vorlege.

„Kein Anspruch auf Regress“

Laumann geht davon aus, dass Tönnies keinen Regress für die vierwöchige Zwangspause geltend machen kann. "Ich glaube, dass er keinen Anspruch hat." Deutschlands größter Schlachtbetrieb sei nicht nur aus Gründen des Infektionsschutzes, sondern auch "ordnungsbehördlich" geschlossen worden. "Sie können sicher sein, dass die Behörden in Nordrhein-Westfalen freiwillig keinen Cent an Tönnies bezahlen werden." Auch die Testungen ihrer Mitarbeiter müssten Großbetriebe in der Fleischindustrie selber zahlen. Und wenn die Behörden dort ständig kontrollieren müssten, könne das auch nicht alles der Staat zahlen.

Rinderzerlegung nach Niedersachsen verlagert

Tönnies verlagert indes einen Teil der Zerlegung von geschlachteten Rindern von der Konzernzentrale in Rheda-Wiedenbrück nach Badbergen in Niedersachsen. Dieser Schritt sei aber bereits länger geplant und habe nichts mit der aktuellen Corona-Lage im Kreis Gütersloh zu tun, sagte ein Konzern-Sprecher am Donnerstag.

 "Wir haben in den vergangenen Jahren 85 Millionen Euro in Badbergen investiert. Ziel war es lange vor Corona, dass vier unserer Schlachthöfe, darunter Wilhelmshaven, die Rinder in Badbergen in Niedersachsen zerlegen lassen", sagte Sprecher André Vielstädte.

1400 Corona-Infizierte Mitte Juni

Rückblick: Nachdem rund 1400 Corona-Infizierte in der Tönnies-Belegschaft nachgewiesen worden waren, hatten die Behörden Mitte Juni vorerst die Produktion gestoppt. Wegen der befürchteten Ausbreitung des Virus über die Familien der Arbeiter auf die Bevölkerung, hatten die Behörden für die Kreise Gütersloh und Warendorf zeitweise zusätzliche Corona-Einschränkungen angeordnet. Einige Urlaubsregionen verweigerten Urlaubern aus der Region die Anreise. In den eiligst aufgebauten Testzentren gab es einen Ansturm, um sich negative Testergebnisse für die Sommerferien ausstellen zu lassen. Zuvor hatte Nordrhein-Westfalen die Corona-Regeln gelockert.

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