„Wählen gehen ist ein Privileg“
Bild: Schulte-Nölle
Noch nie hat Erika Fingberg (r.) eine Wahl ausgelassen. Am Sonntag machte die 95-Jährige ebenfalls von ihrem Stimmrecht Gebrauch – und das sozusagen direkt vor ihrer Wohnungstür. Denn als Bewohnerin des Wiedenbrücker Altenheims St. Aegidius befindet sich ihr Wahllokal nur eine Etage unter ihrem Zimmer. Das Bild zeigt Fingberg mit der Wahlhelferin Fatime Alacali.
Bild: Schulte-Nölle

„Wählen gehen ist ein Privileg, das man wahrnehmen muss“, betont die rüstige Seniorin. Mit Schrecken erinnert sie sich an die Zeit, als kritische Meinungsäußerung praktisch nicht mehr möglich war. Unter dem Naziregime Adolf Hitlers habe sie nicht nur ihre Wahlfreiheit verloren, sondern auch ihren Mann: Er zog in den Krieg und wurde bereits im ersten Jahr – zugleich dem Jahr ihrer Hochzeit – als vermisst gemeldet. Nach zehn Jahren des Wartens erklärte Erika Fingberg ihn schließlich für tot. Eine bittere Erinnerung.

Elternhaus lebt demokratische Werte vor

Solches Unrecht, wie es unter Hitler geschehen sei, dürfe sich in der Geschichte niemals wiederholen, unterstreicht sie im Gespräch mit der „Glocke“. Und sie verdeutlicht auch: „Wer wählt, zeichnet maßgeblich mit dafür verantwortlich, dass Deutschland eine starke Demokratie bleibt.“ Erika Fingberg hat diese Maxime stets gelebt. Das liege wohl nicht zuletzt daran, dass sie – trotz der widrigen Umstände damals – aus einem der Demokratie verpflichteten Elternhaus stammt, vermutet die 95-Jährige. Fingbergs Vater war Malermeister und in der Rheda-Wiedenbrücker Gesellschaft vielfach engagiert. Die Mutter kümmerte sich liebevoll um die Kinder und arbeitete zusätzlich im Geschäft ihres Ehemanns. „Sie haben uns nicht zu Duckmäusern, sondern zu starken Persönlichkeiten erzogen“, zeigt sich ihre Tochter noch heute dankbar.

Als 1949 in Deutschland erstmals wieder freie Wahlen abgehalten wurden, sei das für sie ein großes Ereignis gewesen, sagt die Wiedenbrückerin. „Es war einfach toll, entscheiden zu dürfen. Die eigene Meinung war wieder gewollt und etwas wert.“ Einsatz zeigen, mitbestimmen, wann immer es möglich ist: Diese demokratischen Grundbegriffe gab Erika Fingberg auch ihren beiden Töchtern, die aus der Ehe mit ihrem zweiten Mann hervorgingen, frühzeitig mit auf den Weg. Wählen gehen, das sei für ihre Jüngste, Helga, sowie die zwei Jahre ältere Sigrid ebenso selbstverständlich wie für sie selbst, erklärt die Bewohnerin des Altenwohnheims St. Aegidius Wiedenbrück nicht ohne Stolz.

Jüngere diesmal stark vertreten

Für die Bewohnerin des Altenheims St. Aegidius betrug der Weg zur Wahlurne am Sonntag nur wenige Meter. Denn in der Einrichtung am Drostenweg in Wiedenbrück befindet sich das Lokal für den Stimmbezirk 92 im Wahlkreis 131. Und dort verzeichnete der örtliche Wahlleiter Peter Mense diesmal bis zum frühen Nachmittag einen überdurchschnittlich regen Zulauf. „Insbesondere die jüngeren Bürger sind stark vertreten“, freute sich Mense, der seit 20 Jahren als Wahlhelfer das Prozedere um Stimmabgabe und -auszählung aktiv begleitet. 220 von insgesamt rund 760 Wahlberechtigten des Bezirks hatten demnach bis 14 Uhr den Urnengang absolviert. „Das ist schon ein ordentlicher Wert“, kommentierte Mense.

Relativ gering indes war bis zu diesem Zeitpunkt die Beteiligung am Bürgerentscheid zum Erhalt der Rhedaer Wenneberschule ausgefallen. Nur etwa 50 Prozent derer, die in dem Altenwohnheim ihre Stimme zur Zusammensetzung des Deutschen Bundestags abgegeben hatten, beteiligten sich auch an dieser Entscheidungsfrage. Ein Umstand, der Peter Mense etwas ratlos zurückließ. „Gerade Bürger, die keine Kinder im schulpflichtigen Alter haben, wollen vielleicht keine Entscheidung treffen, deren Konsequenz sie selbst nicht absehen können, oder die sie schlicht nicht betrifft“, vermutete er.

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