Wähler entscheiden über Turbo-Abi
Bild: dpa
Geht es nach dem Willen der Initiatoren des Volksbegehrens, kehren die Gymnasien in Nordrhein-Westfalen zur neunjährigen Regelschulzeit (G9) zurück. Auch im Bürgerbüro der Stadt Rheda-Wiedenbrück liegen Unterschriftenlisten gegen das sogenannte Turbo-Abi im achtjährigen Bildungsgang (G8) aus.
Bild: dpa

Die Elterninitiative hat nicht nur die Rückkehr zum Abitur nach einer Regelschulzeit von 13 Jahren zum Ziel, sondern zudem eine Aussetzung der Pflicht zum Nachmittagsunterricht. Um ihr Anliegen voranzutreiben, muss sie deshalb zunächst innerhalb eines Jahres Unterschriften sammeln. „Benötigt werden gültige Eintragungen von acht Prozent aller Stimmberechtigten“, erläutert Maximiliane Plöger, Pressesprecherin der Stadt Rheda-Wiedenbrück. Das seien 1,056 Millionen Unterschriften.

Bis zum 7. Juni Unterschrift abgeben

Sowohl in freie Listen, mit denen die Initiative etwa an Infoständen auf Marktplätzen und an Schulen Unterschriften sammeln darf, als auch in amtliche Eintragungslisten der Gemeinden können sich Unterstützer von „G9-jetzt“ eintragen. Bis zum 7. Juni haben Wahlberechtigte in Rheda-Wiedenbrück dazu im städtischen Bürgerbüro die Möglichkeit, teilt Plöger mit. Wird die notwendige Zahl gültiger Unterschriften erreicht, muss sich der Landtag NRW nochmals mit dem Thema beschäftigen. Falls die Mehrheit der Abgeordneten die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren Regelschulzeit ablehnt, findet ein Volksentscheid statt. „Dann stimmen die Bürger verbindlich über die Frage G8 oder G9 ab“, erklärt die Pressesprecherin. Ob für Gymnasien dann die Möglichkeit besteht, frei zwischen den Formen zu wählen oder beide anzubieten, ist laut Maximiliane Plöger davon abhängig, wie der Landtag entscheidet und ob er eine neue Rechtsgrundlage schafft. Das Gros der im Landtag vertretenen Parteien lehnt jedoch eine generelle Rückkehr zu G9 ab. Eine Ausnahme bilden die Piraten und die Linken.

Auch der 2014 von Schulministerin Sylvia Löhrmann einberufene „Runde Tisch zu G8/G9“, an dem seinerzeit Eltern- und Lehrerverbände, Schulleitervereinigungen und Landesschülervertretungen, kommunale Spitzenverbände, Kirchen und die bildungspolitischen Sprecher der im Landtag vertretenen Parteien, Wissenschaftler sowie Vertreter der Bürgerinitiativen teilgenommen haben, sprach sich gegen die Rückkehr zu G9 aus. Stattdessen solle der achtjährige Bildungsgang verbindlich weiterentwickelt werden, lautete der Tenor. Die Bürgerinitiativen, darunter auch „G9-jetzt“, lehnten das ab.

Rückkehr zu G9 keine Rückkehr zum alten System

Die Schulleiter der hiesigen Gymnasien halten wenig davon, dass die Diskussion über G8 und G9 vor allem emotional geführt wird. „Natürlich sind in der Elternschaft beide Positionen vertreten“, erläutert Martin Zurwehme, Direktor des Ratsgymnasiums in Wiedenbrück. Es müsse jedoch bedacht werden, dass eine Rückkehr zu G9 nicht mit einer Rückkehr zum alten System gleichzusetzen sei. Auch an den Schulen, die sich zur Teilnahme am Modellversuch G9 entschlossen haben, sei die Stundenzahl höher. Ebenso werde die zweite Fremdsprache wie in G8 in der sechsten und nicht erst in der siebten Klasse eingeführt. Schulintern sei die Debatte sowohl am Einstein- als auch am Ratsgymnasium kein großes Thema – auch deshalb, weil G8 im Grundsatz funktioniere, sind sich Zurwehme und Jörg Droste, Leiter des Einstein-Gymnasiums in Rheda, einig. „Wir sind vor einigen Jahren in den gebundenen Ganztag gegangen. Das ist ein System, in dem die Kinder hervorragend arbeiten, aber auch Zeit zum Leben haben“, sagt Droste.

Dreimal in der Woche haben seine Schüler lange Tage, doch es gibt aktive Pausen, Lernzeiten und Wahlpflicht-AGs, in denen beispielsweise Voltigieren und Karate angeboten wird. Auch am Ratsgymnasium ist viel Arbeit in das neue System investiert worden. Unter anderem gibt es ein Hausaufgabenkonzept, das auf alle Jahrgangsstufen individuell abgestimmt ist. „Die Ergänzungsstunden, die mit G8 eingeführt worden sind, nutzen wir zur Förderung sowohl der schwächeren als auch der stärkeren Schüler“, erläutert Zurwehme. Für die Zukunft wünscht er sich einheitliche Vorgaben. „Das ist eine politische Entscheidung, für die Gymnasien gibt es keinen Spielraum“, beschreibt er. Darin, dass ihre Schulen sowohl die Rückkehr zu G9 als auch das Fortbestehen von G8 umsetzen könnten, sind sich Droste und Zurwehme einig. Sie betonen aber zugleich, dass auch am aktuellen System weiterhin Optimierungsbedarf bestehe.

Stichwort: Volksbegehren

Über ein Volksbegehren können Bürger unmittelbar Einfluss auf Willensbildungsprozesse nehmen. Ziel ist es, ein Gesetz zu erlassen, aufzuheben oder zu ändern. Seit dem 30. Dezember 2011 haben die formalen Hürden für ein solches Begehren abgenommen. Seitdem sind freie Unterschriftensammlungen erlaubt, die die Eintragung in Rathäusern ergänzen. Die Frist wurde zudem auf 18 Wochen (vorher 8) verlängert. Eintragungsberechtigt für das aktuelle Volksbegehren ist, wer wahlberechtigt zum Landtag NRW ist oder das Wahlrecht bis zum 7. Juni erwirbt und in das Wählerverzeichnis der Stadt eingetragen ist.

SOCIAL BOOKMARKS