Wenn Fakt und Fiktion verschmelzen
Bild: Sudbrock
Verwandlung: Mit Fototapeten, filigranen Skulpturen und realen Elementen schafft die Berliner Künstlerin Sinta Werner in der Orangerie des Schlosses Rheda eine neue Wirklichkeit. Ihre Ausstellung „Anschlussfehler“ öffnet am kommenden Sonntag.
Bild: Sudbrock

Das Innenleben des fürstlichen Festsaals am Steinweg verwandelt sich in einen Mikrokosmos, in dem die Übergänge zwischen Fakt und Fiktion fließend sind.

Physikalische Gesetzmäßigkeiten aufheben und dadurch Gewohntes in neuem Licht erscheinen lassen, dieses Ziel verfolgt Sinta Werner mit ihrer Kunst. Die 40-Jährige, die sich selbst als Raumarbeiterin bezeichnet, zeigt eine Installation aus konkavkonvexen Fotoskulpturen und verfremdeten, tatsächlich in der Orangerie vorhandenen Elementen. Bei Letzteren handelt es sich um die Säulen, die Boden und Dachkonstruktion miteinander verbinden. Einige von ihnen hat Sinta Werner mit einer Art großflächiger Fototapete ummantelt, andere ziert bis zu einer Höhe von 3,5 Metern gelbschwarzes Absperrband.

Die Berlinerin, die in Hattingen aufgewachsen ist und in London studiert hat, dekoriert das Innere der Orangerie nicht einfach um, sie erfindet es neu: Zum Einsatz kommen auf den filigranen, übermannshohen Skulpturen, die in ihrer Zartheit fast schon an Raumzeichen erinnern, sowie auf den Säulen Bilder von der Orangerie, die die Künstlerin im Januar bei gleißendem Wintersonnenlicht selbst angefertigt hat. Schon für diese Fotosession hatte Sinta Werner den Saal mit Absperrband verfremdet, ihn damit stückweise aus der bekannten Wirklichkeit in eine fremde Sphäre entrückt.

Ein Chaos von Hierarchien

Das gelbschwarze Flatterband zieht sich in der Ausstellung, die am kommenden Sonntag eröffnet wird, wie der sprichwörtliche rote Faden durch Illusion und Realität. Teils auf den verwendeten Fotos zu sehen, teils aber auch leibhaftig vorhanden, leistet es einen nicht unerheblichen Beitrag zur Auflösung gewohnter Strukturen.

Die Fotos selbst tun ihr Übriges, um die Verwirrung der Betrachter perfekt zu machen: Die mit der Kamera festgehaltenen Ausschnitte aus dem Inneren der Orangerie haben durch ihre Positionierung nur noch wenig bis gar nichts mit den ursprünglichen Gegebenheiten gemein.

„Dadurch entsteht ein Chaos von Hierarchien in Bezug auf Fläche und Raum“, erläutert Sinta Werner ihre künstlerische Zielsetzung.

Der Ausstellungstitel „Anschlussfehler“ ist doppeldeutig – „und das ganz bewusst“, wie Künstlerin Sinta Werner erläutert. Der Begriff stamme einerseits aus der Filmtechnik und bedeute einen Bruch der Szenenkontinuität oder des Handlungsablaufs. Darüber hinaus stehe er aber auch für technische Probleme, die durch die fehlerhafte Kopplung von elektronischen Geräten hervorgerufen werden. Die Folge seien in der Regel Überspannungen des Stromnetzes.

Übergeordnete, zeichenhafte Realität

„Filmriss“ und Überspannung: Sinta Werners mit Absicht herbeigeführter Anschlussfehler ist beides. Durch Fotos und Skulpturen wird die Kontinuität des Raums gebrochen. „Hilfsmittel dabei ist das Warnklebeband, das durch seine Signalwirkung im Original sowie in der Abbildung ins Auge springt und durch seine Schärfe und Grellheit eine übergeordnete, zeichenhafte Realität schafft“, erläutert die Künstlerin.

Die Installationen von Sinta Werner sind nicht austauschbar, sie funktionieren nur in der Örtlichkeit, auf die sie die 40-Jährige zugeschnitten hat. Insofern haben viele ihrer Arbeiten auch etwas Vergängliches. Denn ob Fassaden- oder Innenraumkunst: Dauerhaft stehenbleiben können sie meist nicht. Der „Anschlussfehler“ zum Beispiel muss Mitte März schon wieder weichen.

Doppelbesichtigung geplant

Der Startschuss für die Ausstellung „Anschlussfehler – der überspannte Raum“ fällt am Sonntag, 18. Februar. In Anwesenheit der Künstlerin wird die Installation in der Orangerie des Schlosses Rheda am Steinweg um 11.30 Uhr eröffnet. Danach ist die Ausstellung bis zum 11. März montags bis freitags von 15 bis 17 Uhr, samstags von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr zu sehen. Der Eintritt zu der von der Werkstatt Bleichhäuschen organisierten Schau ist für die Besucher kostenfrei.

Der Zufall will es, dass Arbeiten von Sinta Werner zeitgleich auch andernorts in der Region gezeigt werden. Die Gruppenausstellung „Ausbruch aus der Fläche – das Origamiprinzip in der Kunst“ ist vom 24. Februar bis 3. Juni im Herforder Marta-Museum zu sehen.

Die Kuratorin der Rhedaer Werkstatt Bleichhäuschen, Melanie Körkemeier, plant eine Doppelbesichtigung: Anfang März will sie mit Kunstinteressierten zunächst die Ausstellung in der Orangerie besuchen und dann mit dem Zug vom Bahnhof Rheda aus weiter zum Museum Marta nach Herford fahren. Der genaue Termin wird noch bekanntgegeben.

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