Werkvertragsarbeiter  nutzen Beratung  
Bild: Werneke
Werkvertragsarbeitern stehen in der jeweiligen Muttersprache (v. l.) Joanna Falk (Polnisch), Carmen Zamfir (Rumänisch) und Tatjana Markov (Bulgarisch, Serbokroatisch und Mazedonisch) in der Willkommensagentur in den Räumen der Fortbildungsakademie Reckenberg-Ems (Fare) im Seidensticker-Gewerbepark am Bosfelder Weg in Rheda unterstützend zur Seite. Die Beratungsstelle befindet sich im zweiten Obergeschoss in den Zimmern 218 und 219.
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Dass sie in den Räumen der Fortbildungsakademie Reckenberg-Ems (Fare) im Seidensticker-Gewerbepark am Bosfelder Weg fachkundige und vor allem kostenlose Hilfestellungen erhalten, hat sich unter den in der Doppelstadt an der Ems lebenden osteuropäischen Arbeitnehmern längst herumgesprochen. Im Ausschuss für Soziales, Migration und Sport berichtete Fare-Geschäftsführer Dr. Rüdiger Krüger von zunehmend steigenden Fallzahlen: „Der Beratungsbedarf ist ungebrochen hoch.“

Es gibt keine Sprachbarriere

Drei Mitarbeiterinnen der Fare kümmern sich in der Willkommensagentur mit insgesamt 80 Wochenstunden um die Hilfesuchenden. Die Expertinnen verfügen allesamt über ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Zurzeit verstärkt vorübergehend noch eine vierte Kraft das Team. Besondere wichtig aus Sicht der Klienten ist, dass sie ihnen in ihrer jeweiligen Muttersprache weiterhelfen können. In Bulgarisch, Nord-Mazedonisch, Rumänisch und Polnisch werden die Gespräche geführt: „Insbesondere für Menschen, die gerade erst nach Rheda-Wiedenbrück gezogen sind, ist es ein Segen, dass es zumindest hier keine Sprachbarriere gibt“, erläuterte Dr. Krüger.

Die Anliegen, mit denen sich die Menschen an die Willkommensagentur wenden, sind vielfältig. „Oft geht es um Unterstützung bei der Beantragung staatlicher Leistungen wie zum Beispiel Kindergeld“, berichtete der Fare-Geschäftsführer aus dem Arbeitsalltag des Teams. Regelmäßig werfe aber auch die Korrespondenz mit Behörden und anderen Institutionen wie beispielsweise Krankenkassen Fragen bei den Klienten auf. „Zumeist verstehen sie die Schreiben nicht, die sie erhalten, und wenden sich dann vertrauensvoll an uns.“

Ganzheitliche Beratung steht an erster Stelle

Imnmer wieder kommen aber auch Menschen in die Agentur, die ihre Arbeit verloren haben und auf der Suche nach einer neuen Stelle sind. Dann ist es nach Worten Dr. Krügers mit der Hilfestellung bei der Beantragung des Arbeitslosengelds meist nicht getan. „Oft werden unsere Mitarbeiterinnen gebeten, über Bewerbungsschreiben und Lebensläufe zu schauen.“ Es verstehe sich von selbst, dass derartige Bitten nicht abgewiesen würden. Eine ganzheitliche Beratung stehe für die Willkommensagentur schließlich an erster Stelle, unterstrich der Fare-Chef.

Polen tendieren eher zur Rückkehr

Die Willkommensagentur unterscheidet zwischen Kurzberatungen, die mit einem Gesprächstermin erledigt sind, und systemischer Unterstützung, die über einen längeren Zeitraum erfolgt. Letzteres Angebot ist nach Worten Dr. Rüdiger Krügers vor allem für Familien und Einzelpersonen interessant, die dauerhaft in der Region bleiben wollen.

 „Wir stellen vermehrt fest, dass insbesondere rumänische Arbeitnehmer ihre Familien nachholen wollen, um sich in Rheda-Wiedenbrück eine dauerhafte Existenz aufzubauen“, erläuterte er. Bei aus Polen stammenden Werkvertragsbeschäftigten sei dieser Trend indes rückläufig. Dr. Krüger: „Viele von ihnen wollen wieder in ihre Heimat zurück.“ Das habe vor allem mit der deutlich verbesserten wirtschaftlichen Situation in Polen zu tun. Diese Entwicklung findet ihren Niederschlag in der Fallzahlstatistik. 53 Prozent der systemischen Langzeitberatungen nähmen aktuell Rumänen in Anspruch. 35 Prozent der Nutzer dieses Angebots seien Bulgaren und nur elf Prozent Polen. Insgesamt registrierte die Willkommensagentur seit ihrer Gründung 2015 nahezu 6000 Beratungs- und Begleitungsaktivitäten. Der Kooperationsvertrag mit der Stadt laufe zwar im Juli aus, beinhalte aber eine zweijährige Verlängerungsklausel, sofern er von keiner der beiden Seiten gekündigt werde, unterstrich Dr. Krüger.

Stadt und Tönnies teilen sich jährliche Kosten

Die Stadt und das Fleischwerk Tönnies teilen sich die jährlichen Kosten von 250 000 Euro. Andreas Hahn (Bündnisgrüne) wollte vor diesem Hintergrund in der Ausschusssitzung wissen, wie hoch der Anteil der Ratsuchenden sei, die bei der Firma Tönnies beschäftigt sind. Sie machten etwa 50 Prozent der Nutzer aus, erklärte Dr. Rüdiger Krüger auf Nachfrage. Ausschussvorsitzende Gudrun Bauer (SPD) ergänzte, dass nicht nur das Rhedaer Fleischwerk Werkvertragsarbeiter einsetze würde, „sondern auch zahlreiche andere Unternehmen in der Region“.

Willkommensagentur hilft kostenlos

Ein Dorn im Auge ist der Fare nach Angaben ihres Geschäftsführers das kostenpflichtige Beratungsangebot von privater Seite. Mehrere Anbieter hätten sich darauf spezialisiert und verlangten „mitunter horrende Gebühren“ für die gleichen Leistungen, die bei der Willkommensagentur kostenlos seien. „Da wird Eltern schon mal für das Ausfüllen eines Antrags das komplette Kindergeld für drei Monate abgeknöpft“, empörte sich Dr. Krüger. Dank der Arbeit der Willkommensagentur spreche es sich zunehmend herum, dass staatliche Leistungen kostenlos sind. „Immer mehr Leute kommen direkt zu uns“, betonte Dr. Krüger. Erfreulich sei auch, dass in benachbarten Kommunen aktuell ähnliche Angebote in Zusammenarbeit mit der Caritas entstehen. „Das freut uns außerordentlich“, sagte der Fare-Chef.

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