Wiedersehen im netten, aber kleinen Kaff
Bild: Ebert
Henning Gneist zeigt den ehemaligen Standort der Kirchplatzschule. Heute steht das Stadthaus an der Stelle, an der Kinder unterrichtet worden sind.
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 Henning Gneist schwelgt in Erinnerung, seinen amerikanischen Akzent kann er dabei nicht leugnen.

Ausgewandert sei er 1960 als junger Hüpfer nach Chicago, sagt der 68-Jährige. Jetzt weilt er wieder in der Stadt, die dem gebürtigen Dresdner nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtling zur Heimat wurde, um ehemalige Klassenkameraden zu treffen. Einmal im Klingelbrink unterwegs, bleibt Gneist vor der Bäckerei Vorbohle stehen. Hier habe sein Großvater Torte für ihn und seine vier Geschwister gekauft. „Ich wollte damals in die weite Welt“, sagt der gelernte Maschinenschlosser.

1,50 US-Dollar Stundenlohn

„Rheda-Wiedenbrück war für mich ein nettes, aber kleines Kaff.“ Die Wahl fiel auf die Autostadt, weil seine Schwester bereits in Chicago lebte. Den Satz über den großen Teich hatte Gneist sich bei Westfalia am Sandberg verdient. „1,50 US-Dollar habe ich anfangs in den USA kassiert“, sagt Henning Gneist. Nicht viel, aber deutlich mehr Stundenlohn als in Deutschland. Ein paarmal habe er den Arbeitgeber gewechselt, bei VW als Meister gearbeitet. Mit der großen Liebe kam die Entscheidung, die stickige Millionenstadt zu verlassen. „Wir sind nach Waupaca im Bundesstaat Wisconsin übergesiedelt.“ Der drei Kinder wegen, die in dieser beschaulichen Umgebung unbeschwerter groß werden konnten als in Chicago. Henning Gneist fand Beschäftigung bei ThyssenKrupp. Diese Firma verließ er nach 37 Jahren und wechselte 2004 nach dem Tod seiner Frau in den Ruhestand. „Seitdem bin ich viel auf Tour“, sagt Henning Gneist. In Russland, Neuseeland und Frankreich schaute er sich als Tourist um. „Jetzt ist Rheda-Wiedenbrück wieder an der Reihe“, sagt der rüstige Pensionär.

Klassentreffen

Am heutigen Freitag trifft er sich mit ehemaligen Klassenkameraden im Seecafé. Wie lange die Entlassung aus der ehemaligen Kirchplatzschule her ist? „Das weiß ich nicht“, kommt es zögernd. Dafür kennt Gneist andere Dinge. Er zeigt auf das Geschäft Klingelbrink/Ecke Kirchstraße: „Da war ein Kneipe. In der habe ich gesehen, wie Deutschland 1954 Fußballweltmeister wurde – in schwarz-weiß.“ Und hier sei ein Kino gewesen, bleibt er vor einem Hifi-Geschäft stehen. Gegenüber hat er vor Jahrzehnten Bekanntschaft mit der Polizei gemacht. Und hinter der Emsbrücke hätte sein Vater, ein diplomierter Braumeister, eine Fahrschule betrieben.

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