An der Ems herrscht Narrenfreiheit
Bild: von Stockum
Adrett: Die Grafspatzen begeisterten das Publikum in der Aula des Schulzentrums mit einem Gardetanz. Sie werden trainiert von Elisa Bierstedt, Linda Kammermann, Lynn Peitz und Ellen Kay.
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50 Jahre kommunale Gebietsreform, gewachsene Strukturen und liebgewonnene Gewohnheiten sind am Wochenende von der Grafschaftler Karnevalsgesellschaft Rietberg (GKGR) gravierend überarbeitet worden. Nichts scheint mehr so, wie es mal war.

Trübsal ein Fremdwort

„Endlich mal wieder Stimmung in der Bude. Hat man nicht oft“, zitierte GKGR-Präsident Robert Junkerkalefeld aus Anlass der Prinzenproklamation am Freitagabend Bundeskanzlerin Angela Merkel – und bedauerte sie zugleich: Waschechten Karnevalisten ist Trübsal schließlich fremd. Wie zum Beweis dessen ließen es die Grafschaftler vier Wochen vorm Beginn des Straßenkarnevals in der Aula des Schulzentrums während dreier ausverkaufter Veranstaltungen krachen. Das Publikum war völlig aus dem Häuschen.

Es lässt sich nur erahnen, wie viel Arbeit und Disziplin beispielsweise Tanzdarbietungen der einzelnen Gruppen steckt. Was sie am Wochenende in der Aula des Schulzentrums ablieferten, war aller Ehren wert. Die Rieti-Funken machten als Piraten der Langeweile den Garaus, und die Giebelstürmer verwandelten die Bühne in einen Boxring. Mit Gardetänzen und raffinierten Choreografien begeisterten die Turmfalken und die Grafspatzen ebenso wie die Prinzengarde, wobei letztere Gruppe zum Finale des Abends ihre mit Spannung erwartete Showdarbietung präsentierte: Darin begehren Marionetten auf, befreien sich von ihren fesselnden Schnüren und wagen den Sprung in die Freiheit. Die Nachwuchsriege – also die Miniprinzengarde – hat sich unlängst neu aufgestellt und möchte erst 2021 wieder kräftig mitmischen.

Abschied von der Bühne

Abschied von der Bühne – zumindest als Tanzpaar – nahmen Celine Meier und Michelle Osmers. Viele Jahre hatten auch sie den Sitzungen der Grafschaftler ihren adretten Stempel aufgedrückt, nun soll damit Schluss sein. Die Zuschauer sagten auf Wiedersehen mit einem tosenden Applaus, die Trainerinnen und der Vorstand taten dasselbe mit Blumen. Zuvor waren den Gästen die Nachfolger der beiden Sportlerinnen präsentiert worden: Stephanie Hanswillemenke und Marius Frese, die von Kerstin Lütkebohle angeleitet werden. Noch ein zweites Mal an diesem Abend wünschte das Auditorium alles Gute – und zwar Jürgen Descher, Gute-Laune-Garant und Leiter des Fanfarenzugs. Er will den Taktstock demnächst in andere Hände legen.

Viel zu lange hat man in den Reihen der Grafschaftler ein Problem totgeschwiegen, wohl in der Hoffnung, es würde sich irgendwann von allein erledigen. Aber nichts da: Als Gruppe „Ornat blau“ – das ist gewissermaßen die organisierte Enttäuschung über den persönlichen Untergang in der Bedeutungslosigkeit – trieben ehemalige Prinzessinnen dem Publikum die Lachtränen in die Augen.

Warendorf in Rietberg, Münster in Warendorf

Eine ungewohnte Harmonie hingegen herrscht plötzlich im Rathaus: Minientchen Andrea Rodehutskors als Frau Warendorf ist zurück im Vorzimmer des Bürgermeisters. Sie berichtete Postbotin Heike Isenberg am Wochenende unter anderem, was für ein „Banause“ ihr Chef ist und warum es direkt nach China riecht, wenn man nach Rietberg kommt.

Emshüpfer übernehmen Kneipe

Die Emshüpfer haben vorsorglich für Mark Brockschnieder den Thekendienst in der Gaststätte Blomberg übernommen. Nicht, dass jemand aus Reihen der Stadtverwaltung als Eigentümerin der Immobilie noch auf die Idee kommt, sich an den Zapfhahn zu stellen und es plötzlich in der Kneipe in einem Tempo vorangeht, das man vom Bürgerbüro kennt. Gleichzeitig zollten sie dem Rathausteam vor dem Hintergrund einer laufenden Trauerfeier Respekt für so viel Unternehmergeist: Mittlerweile, so stellten sie anerkennend fest, befinde sich ja die gesamte Wertschöpfungskette des Sterbens in kommunaler Hand.

In der Höhle der Löwen

Die Jungs von Potsch holten das TV-Format „Die Höhle der Löwen“ nach Rietberg und schlüpften in die Rollen des FDP-Mitglieds Günter Höppner („Politische Wanderhure“), vom tüdeligen SPD-Chef-Gerd Muhle, vom CDU-Fraktionsvorsitzenden Marco Talarico („Immer kurz vorm Absturz“), von Rietbergs Ortsvorsteher Engelbert Ottemeier („Kleiner Löwe mit großem Anspruch“) und von Löwenkönig Andreas Sunder. Als dieser Truppe am Ende eines grandiosen Spiels von Greta Thunberg die Leviten gelesen wurden, gab es kein Halten mehr im Saal.

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