Andenken an gelähmte Malerin bewahren
Nur mit dem Mund konnte die Rietbergerin Heide Koschinski malen.

Sie ist am Haus Müntestraße 11 in Rietberg angebracht, wo die Künstlerin bis zuletzt gelebt hat. Mechthild Johannhörster aus Verl und Walter Jasper, Künstler aus Diestedde, waren eng mit Heide Koschinski befreundet. „Sie war so eine lebenslustige Frau, die sich trotz ihres schlimmen Schicksals nie aufgegeben hat“, sagt Mechthild Johannhörster. Dass sich heute niemand so recht an Heide Koschinski erinnert, nirgends schriftlich fixiert ist, dass sie als Künstlerin tätig war, hat die 68-Jährige sehr betrübt.

 Die Idee mit der Gedenktafel hatte sie schon vor einigen Jahren, stieß in Rietberg jedoch nicht auf offene Ohren. „Das war 2008, alle waren mit der Landesgartenschau beschäftigt.“ Jetzt hat es endlich geklappt. Der Besitzer des Hauses Müntestraße 11 gab sofort sein Einverständnis, die von Walter Jasper gestaltete Bronzetafel anzubringen.

 Mechthild Johannhörster geht es nicht darum, sich selbst mit dieser Aktion in den Mittelpunkt zu stellen, wie sie im Gespräch mit der „Glocke“ ausdrücklich betont: „Schreiben Sie bloß nicht so viel über mich, lieber über Heide.“ Und tatsächlich gibt es über Heide Koschinski viel zu berichten.

 Ihre Kindheit verbrachte sie in Neuenkirchen in ihrem Elternhaus. Kurz nach Abschluss einer kaufmännischen Lehre erkrankte sie mit 17 Jahren (1960) an Kinderlähmung. Fortan war sie an den Rollstuhl gefesselt, musste künstlich beatmet werden. Von 1967 bis 1970 besuchte die Neuenkirchenerin die niedersächsische Landes- und Versehrtenschule in Bad Pyrmont. Dort ließ sie sich zur Grafikerin ausbilden und malte mit dem Mund Ölbilder und Aquarelle.

1984 bezog sie die untere Etage der Müntestraße 11. Naturbilder und fantastische Malerei gehörten zu ihren Lieblingsmotiven. Die außergewöhnliche Künstlerin war so erfolgreich, dass sie nicht nur in München, Köln oder Hamburg ausstellte, sondern auch in den Vereinigten Staaten sowie in Frankreich und Spanien. Mechthild Johannhörster erinnert sich an diverse Kunstpreise – unter anderem ein Stipendium – mit denen sie ausgezeichnet worden ist.

Auch die ausgesprochene Gastfreundschaft der Freundin ist Mechthild Johannhörster im Gedächtnis geblieben: „Es war immer alles perfekt organisiert, wir haben uns sehr wohl gefühlt.“ Außer der Malerei war das Schreiben eine zweite Leidenschaft von Heide Koschinski. Mit Hilfe eines Stabs, den sie im Mund hielt, konnte sie die Schreibmaschine bedienen. Mechthild Johannhörster weiß, wie viel es ihr bedeutet hat: „Das Schreiben war eine Art Befreiung. Von der Angst, dem Zorn, von Verzweiflung und allem Ungesagten, das die Luft zum Atmen nimmt.“

Mit der Gedenktafel möchte Mechthild Johannhörster ihrer Freundin, die ihr Schicksal so tapfer ertragen hat, ein Andenken bewahren: „Es wäre schön, wenn sie in

Rietberg nicht in Vergessenheit gerät.“ Übrigens: Im Haus Müntestraße 11 sind 1991 Wandmalereien des hochfürstlichen Hofmalers Philipp Ferdinand Ludwig Bartscher (1749 bis 1823) entdeckt worden. Der Fund galt damals als einzigartig in Westfalen.

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