Bibliothek geht kreativ durch die Krise
Foto: Schulte-Nölle
Wo sonst die „Lesewiese“ stattfindet, lagern Jennifer Bader (l.) und Julia Neumann von der Stadtbibliothek derzeit in Umzugskartons all jene Medien, die über die Rückgabe wieder zu der Einrichtung zurückgekehrt sind – denn sie müssen coronabedingt zunächst in Quarantäne.
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Die Nachricht „Ab Montag müsst ihr schließen“ erreichte das Bibliotheksteam ausgerechnet an einem Freitag, den 13. „Da haben wir noch gedacht, das ist bestimmt nur vorübergehend. So lange kann es ja nicht dauern“, erinnert sich die Diplom-Bibliothekarin Jennifer Bader. Doch dann wurden aus zwei Wochen drei, dann vier, dann fünf – und schließlich mussten sie und ihre Kollegen knapp zwei Monate warten, bis sie am 4. Mai wieder die ersten Kunden im Erdgeschoss des Alten Progymnasiums begrüßen durften.

Take-Away-Service garantiert die Versorgung mit Büchern

Auf Bücher, Hörspiele, Zeitschriften, DVDs und Co. mussten die Rietberger indessen auch in der Zwischenzeit nicht verzichten. „Wir haben uns mit anderen Bibliotheken ausgetauscht und so die Idee eines Take-Away-Services entwickelt, den wir auch weiterhin vormittags anbieten“, berichtet Bader.

Das Prinzip ist ebenso einfach wie bestechend: Die Kunden wählen online bis zu zehn Wunschtitel aus dem rund 23.000 Medien umfassenden Bestand aus und geben diese anschließend über die virtuelle Merkliste, per E-Mail oder auch per Telefon an die Bücherei weiter. „Die Pakete werden dann von uns zu einem festen Termin bereitgestellt. Die Abholung erfolgt, wie der gesamte Prozess, kontaktlos“, erläutert Mitarbeiterin Julia Neumann.

Medien, die aufgrund der coronabedingten Zwangspause nicht zurückgegeben werden konnten, wurden automatisch verlängert. Mittlerweile werden sie zwar wieder angenommen, doch anschließend müssen sie erst einmal in eine siebentägige Quarantäne, bevor sie erneut mit nach Hause genommen werden dürfen. So gewährleiste man, dass im Fall der Fälle auch wirklich alle Viren auf der Oberfläche der Bücher oder DVDs abgestorben sind, sagt Bader und ergänzt: „Das Robert-Koch-Institut spricht in diesem Zusammenhang nur von drei Tagen, aber wir wollen auf Nummer Sicher gehen.“

Zurückgegebene Medien müssen zunächst in Quarantäne

Der Mehraufwand verschlingt auch mehr Zeit. Denn während die zurückgegebenen Medien – das sind 300 bis 400 am Tag – im Normalbetrieb parallel zur Ausleihe wieder an ihren Platz gestellt werden, müssen sie nun separat erfasst, vorsortiert, in Kisten verpackt und anschließend in den Quarantäneraum getragen werden. „Das machen wir vormittags, weshalb wir aktuell nur an den Nachmittagen für den Publiumsverkehr geöffnet haben“, sagt Neumann.

Während das „Bilderbuchkino“ unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln am Mittwoch, 5. August, wieder durchstarten kann, müssen sich junge Fans der „Lesewiese“ weiterhin in Geduld üben. „Dieses Format ist so konzipiert, dass die Kinder dicht beim Lesepaten sitzen, um die Bilder in dem Buch gut sehen zu können“, erklärt Jennifer Bader. Das findige Team hat derweil auch hier eine Zwischenlösung entwickelt, um die Wartezeit auf das Original zu verkürzen.

„Lesewiese“ geht online - mit beachtlicher Resonanz

Mittlerweile 15 Folgen der beliebten Reihe, die regulär alle zwei Wochen samstags für bis zu acht Steppkes angeboten wird, haben die Mitarbeiter gemeinsam mit den Lesepaten auf Video gebannt. Mit beachtlicher Resonanz, wie Bader sagt. Demnach wurden insbesondere zu Beginn des Experiments bis zu 200 Zuschauer erreicht. „Das freut uns natürlich ungemein. Und ich persönlich hätte nie gedacht, dass ich einmal eine Kamera führen und sagen werde: ‚Und Action!‘“, sagt Bader und lacht. Für den Schnitt der Videos greifen ihre Kollegen und sie im Übrigen auf die Expertise eines Schülers zurück, der privat einen Youtube-Kanal bespielt und dem Bibliotheksteam in seiner Freizeit bei der Rücknahme der Medien unter die Arme greift.

Auch auf die heiß begehrten Stempel pro Teilnahme an der „Lesewiese“ – für drei Exemplare gibt es eine Überraschung – müssen die Heranwachsenden nicht verzichten: Statt eines direkten Eintrags darf nun gebastelt werden. Die Anleitung kommt mit dem jeweiligen Video. „Dabei achten wir darauf, dass die Materialien in jedem Haushalt verfügbar sind“, stellt Julia Neumann heraus. Die Idee werde gut angenommen: „Als wir wieder öffnen durften, haben viele Kinder gleich fünf und mehr Kunstwerke vorbeigebracht.“

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